In Spanien gilt erneut der Notstand und eine nächtliche Ausgangssperre. Die Alarmsituation fühlt sich jetzt fast schon wieder normal an. Zum Beispiel in Barcelona

Barcelona, 16. Oktober 2020 © David Zorrakino/​Europa Press/​Getty Images

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Keine Frage, Spanien ist in einer tiefen Krise. Seit Wochen gehen die Corona-Zahlen wieder nach oben. Über ein Viertel der Intensivbetten sind bereits mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten belegt, viele Krankenhäuser verschieben wieder nicht lebensnotwendige Operationen. In dieser Woche wurde ein neuer, bitterer Höchststand an Toten vermeldet: 267 Menschen starben binnen nur 24 Stunden.  

Seit dieser Woche gilt auch wieder der politische Notstand: Die sozialistische Regierung in Madrid hat die Kompetenzen zentralisiert und landesweite Regeln verhängt: Strenge Kontaktbeschränkungen im Alltag, eine landesweite nächtliche Ausgangssperre auf dem spanischen Festland. Restaurants und Bars müssen schließen, viele Menschen bangen um ihre Existenz.

Und doch: Wer Glück hat und keine Angehörigen, die unter Corona leiden, erlebt in diesen Tagen auch so etwas wie Alltag. Ein neues Normal, wenn man so will.

Der Mindestabstand beim Date wird nicht immer eingehalten

Die abendliche Ausgangssperre betrifft uns als Mittvierziger mit einem neunjährigen Sohn beispielsweise nur bedingt.  Die Proteste gegen Sperrstunde und vielerorts geschlossene Restaurants und Bars halten sich in Grenzen. Die meisten Spanierinnen und Spanier fügen sich den Einschränkungen mit einem geseufzten “Es lo que hay“, “So ist das eben”, und passen die Corona-Regeln ihrem Alltag an. Man könnte auch sagen: Die meisten akzeptieren die Regeln und Empfehlungen, aber kaum jemand befolgt sie bis ins Detail. 

Eine Freundin trägt, ergänzend zur Stoffmaske für draußen, immer eine FFP2-Maske mit sich, die sie aus der Papiertüte nimmt und aufsetzt, sobald sie einen geschlossenen Raum oder ein öffentliches Verkehrsmittel betritt. Über Tinder datet sie sich dennoch munter weiter, der Mindestabstand wird dabei nicht immer eingehalten.

Ein anderes Paar verkehrt privat seit Monaten nur noch mit vier anderen Personen, fuhr aber vor zwei Wochen nach Italien in den Kurzurlaub. Damals galt lediglich die Empfehlung, so wenig wie möglich zu reisen.

Das Vertrauen in den Staat ist gering

Wir haben neulich bei Freunden auf der Terrasse gegrillt – zu acht statt wie erlaubt bloß zu sechs. “Kinder zählen nur die Hälfte”, interpretierte eigenwillig eine der Anwesenden. Unser schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen. Verstörender wäre es gewesen, die Freundin mit den zwei Kindern nicht einzuladen. Wir gehen davon aus, dass es mindestens bis in den Frühsommer 2021 hinein Einschränkungen geben wird. Da braucht man ein stabiles soziales Netzwerk.

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