“Wir können Corona” verkündete der Schweizer Gesundheitsminister nach der ersten Welle im Frühjahr. Ein paar Monate später ist alles anders.

Im Frühjahr war die Corona-Lage in Schwellbrunn noch ruhig. Das ist jetzt anders. © Gian Ehrenzeller/​dpa

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Wir befinden uns im Herbst 2020. Die ganze Schweiz ist vom Coronavirus bedroht. Die ganze Schweiz? Nein! Ein von unbeugsamen Appenzellern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Eindringling geflissentlich zu ignorieren.

Schwellbrunn, 1.500 Einwohner. Auf einem Hügelrücken im Hinterland von Appenzell Ausserrhoden gelegen. Füürwehrchörli, Trachtengruppe, Faustballclub. Vor einigen Jahren zum schönsten Dorf der Schweiz gewählt. “Werte zählen hier oben noch was”, konnte man damals in der Schweizer Illustrierten lesen. Seit dem vergangenen Montag aber ist Schwellbrunn bekannt als das Dorf, wo die Corona-Omertà herrscht. Als Dorf, wo im Oktober ein Paar seine Hochzeit mit 200 Gästen feierte und davon zwar wusste, dass mehrere Anwesende Corona-positiv waren, aber weder die Abstands- und Hygienemaßnahmen einhalten ließ noch die Behörden darüber informierte. Nur durch Zufall haben sie zwei Wochen später davon erfahren.

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Die Hochzeitsgäste hätten vereinbart, so erzählte es der kantonale Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer am Montag bei einer Pressekonferenz, sich nicht testen zu lassen. Sie wollten eine mögliche Quarantäne umgehen. Es gebe zudem Hinweise, dass einzelne Firmen in Schwellbrunn ihre Mitarbeiter ermuntert hätten, sich nicht bei den Behörden zu melden. Wie viele Menschen sich im Superspreader-Ort Schwellbrunn infiziert haben, wo ein paar Tage nach der Hochzeit noch ein Oktoberfest in einer Dorfbeiz stattfand, ist unklar. Aber der kantonale Gesundheitsdirektor Balmer drohte schon mal: Sollten sich die Fallzahlen weiter erhöhen, könnte die Gemeinde abgeriegelt werden.

Das gesellschaftliche Leben ist ausgebremst

Sanitarische Palisaden um das renitente Dorf? So weit wird es vermutlich nicht kommen. Aber Appenzell Ausserrhoden, der ländliche, locker besiedelte Kanton mit seinen 55.000 Einwohnern, der von der ersten Corona-Welle beinahe verschont blieb und nun hochgerechnet mehr als 1.000 Fälle pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen verzeichnete, hat bereits am Samstag weitere Maßnahmen beschlossen, um das Coronavirus einzudämmen. Nur noch 15 Personen dürfen sich privat treffen. Bei öffentlichen Veranstaltungen sind maximal 50 Besucher erlaubt. Chorproben sind verboten. In Büros gilt eine Maskenpflicht. Bars und Clubs sind geschlossen. Der kleine Kanton nimmt damit vorweg, was der Bundesrat am Mittwoch für das ganze Land beschließen dürfte.

Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in der Schweiz wird ausgebremst. Zum zweiten Mal in dieser Corona-Pandemie. Für das deutsche Robert Koch-Institut ist das ganze Land bereits heute ein Risikogebiet. Was ist da schiefgelaufen?

“Wir können Corona.” So sprach der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset, als die erste Corona-Phase abflachte. Das war Ende Mai. Nach den ersten Ausbrüchen in Europa im österreichischen Ischgl und in Norditalien wurde auch die Schweiz von der Pandemie erfasst. Am schlimmsten traf es damals das Tessin und die Westschweiz. Nach und nach verschärfte der Bundesrat die Maßnahmen, bis er Mitte März die sogenannte außerordentliche Lage ausrief und einen sanften Lockdown verhängte.

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Das funktionierte. Die Schweizer hielten Abstand, wuschen sich die Hände, schnäuzten in ihre Ellbogen, zogen sich ins Homeoffice zurück. Die Neuansteckungen nahmen zügig ab, das Gesundheitswesen hielt der Pandemie stand – auch die Intensivstationen waren schweizweit nie überlastet. 1.914 Tote forderte das Virus bisher in der Schweiz.

“Wir können Corona”

Sogar die Wirtschaft brach nie derart stark ein wie vermutet. Schnell und unbürokratisch erhielten die Firmen staatliche Notkredite. Flächendeckende Kurzarbeit, die in der Schweiz großzügiger ausgestaltet ist als in Deutschland, verhinderte einen starken Anstieg der Arbeitslosenquote. Sie lag im September bei 3,2 Prozent. Selbst an die Kultur wurde früher als in Deutschland gedacht. Eben: “Wir können Corona.”

Das lag auch daran, dass die Schweiz einen Plan in der Schublade hatte. 2016 trat das neue Epidemiengesetz in Kraft. Es regelte recht genau, wer was im Fall der Fälle zu tun hat und wer was zu sagen hat. Der Bund, die Kantone, die Gemeinden.

Zwar zeigte sich schon damals, dass allen voran die Kantone ihren Aufgaben nur mäßig gewachsen waren. Die Spitäler hatten zu wenige Vorräte angelegt, was ein Gutachten bereits 2018 monierte. In den Spitalplanungen fehlten 4.000 Betten für Notlagen. Ebenso mangelte es an ausgebildetem Pflegepersonal und im Bundesamt für Gesundheit (BAG) wurden für die Übermittlung der neuesten Corona-Fallzahlen teilweise Faxgeräte eingesetzt. Trotzdem verkündete Gesundheitsminister Berset und die Zahlen gaben ihm recht: “Wir können Corona.”

Ein paar Monate später ist alles anders.

In den vergangenen sieben Tagen steckten sich in der Schweiz fast 30.000 Menschen neu mit dem Coronavirus an. In Deutschland waren es etwas mehr als 70.000. Allerdings leben in der Schweiz lediglich 8.5 Millionen Menschen und in Deutschland 83 Millionen. Herrschten in Deutschland also helvetische Verhältnisse, bedeutete das, dass sich in sieben Tagen 300.000 Menschen neu mit dem Coronavirus anstecken würden. 

Deshalb kommen in diesen Tagen einige Spitäler in der Westschweiz bereits an den Anschlag. Sie verschieben nicht dringende Operationen, holen Personal aus der Pension oder dem Urlaub zurück und im ganzen Land werden die Kapazitäten der Intensivstationen hochgefahren.

Das werde nicht reichen, kritisiert die wissenschaftliche Taskforce des Bundes. In ihrem aktuellsten Policy-Paper vom vergangenen Samstag forderte sie unter anderem eine generelle Maskenpflicht in Innenräumen. Einigen Wissenschaftlern geht selbst das nicht weit genug: “Die Schweiz braucht einen Lockdown”, twitterte die deutsche Virologin Isabella Eckerle, die an der Universität Genf forscht.

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Bereits im Sommer, als die täglichen Fallzahlen plötzlich wieder im dreistelligen Bereich lagen, hatten Taskforce-Mitglieder vor der jetzigen Situation gewarnt. Stattdessen hat der Bundesrat eine um die andere Corona-Maßnahme gelockert. Sogar Großveranstaltungen mit mehreren Tausend Zuschauern sind seit dem 1. Oktober wieder möglich. Mit Schutzkonzepten, die funktionieren, sagen die Fußball- und Hockeyvereine. Es geht um die Signalwirkung, warnten die Öffnungskritiker. In den Clubs wurde getanzt, Konzerte fanden statt. Restaurants und Bars waren offen. Es wurden Geburtstage gefeiert und es wurde geheiratet – nicht nur im Appenzell. Die Regierung gab sich locker und die Bevölkerung wurde nach und nach sorgloser. Man kam sich wieder näher.

Vor allem aber zog sich der Bundesrat zurück. Er trat nicht mehr regelmäßig vor die Medien, sondern ließ ab und an seine Experten aus der Verwaltung auftreten. Und er gab, wie es das Epidemiengesetz vorsieht, zahlreiche Kompetenzen an die Kantone zurück. Regierte der Bund in der ersten Welle, der außerordentlichen Lage, per Notrecht, so konnten nun, in der besonderen Lage, die 26 eidgenössischen Ministaaten mitentscheiden.

In der zweiten Welle entscheiden die Kantone

Allein, entscheiden wollten nur die wenigsten. Bereits als es im Sommer darum ging, eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr einzuführen, Deutschland kannte die damals schon lange, konnten sich die Kantone nicht einigen. Der Bund musste ran. Als der damalige BAG-Direktor Pascal Strupler Ende Juli die Kantone, wie er sagte, “aufrütteln” wollte, weil die Schweiz an “einer epidemischen Trendwende” stehe, wurde er belächelt. Und als vor einigen Wochen die Fallzahlen wieder anstiegen, reagierten die kantonalen Regierungen lediglich im Tessin und der Westschweiz, die in der ersten Phase schon hart betroffen waren. Nicht aber in der Deutschschweiz.

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Der Kanton Schwyz bewegte sich erst, als es bei einem Jodlermusical zu einem Superspreader-Event kam. Und der bevölkerungsreichste Kanton Zürich, dessen Regierungspräsidentin im Sommer noch lautstark den Bundesrat aufforderte, wieder mehr Macht an die Kantone abzutreten, weigert sich bis heute standhaft, auf die steigenden Fallzahlen zu reagieren. Man warte, was der Bundesrat entscheide.

Während sich also in Deutschland in diesem Herbst die Länderchefs mit harten Maßnahmen überbieten, schreckten die meisten Kantonsregierungen in der Deutschschweiz vor eben diesen zurück. Sie warten lieber auf Bern. Weil die Maßnahmen unpopulär sind, weil sich die Konkordanzgremien nicht auf eine Corona-Politik einigen konnten – oder weil einzelne Exekutivmitglieder meinten, sie müssten sich mit einer demonstrativen Laisser-faire-Haltung profilieren. Wohlwissend, dass der Bund schon eingreift, wenn die Lage vollends eskaliert.

Die Fallzahlen verdoppeln sich jede Woche

Das tat er dann auch. Seit Mitte Oktober gilt landesweit eine Maskenpflicht in den Läden. In den Restaurants und Bars darf nur noch im Sitzen gegessen und getrunken werden. Im öffentlichen Raum dürfen sich nicht mehr als 15 Personen versammeln.

Allein, geändert hat das nicht viel. Die Fallzahlen verdoppeln sich weiterhin jede Woche. Ebenso die Hospitalisierungen. Gleichzeitig melden die SBB keinen nennenswerten Rückgang bei den Passagierzahlen. Noch sind die meisten Berufspendler nicht im Homeoffice. Und in Spreitenbach im Kanton Aargau feierten 20.000 Menschen den 50. Geburtstag eines Shoppingcenters.

Die Furcht ist verflogen, die Solidarität, von der im Frühling so oft die Rede war, vergessen. “Wir können Corona.” Das bundesrätliche Lob wurde zum Mantra – das Resultat dieses stetigen Sich-selber-auf-die-Schultern-Klopfens, wie so oft in der Schweiz: realitätsfremde Selbstüberschätzung. Uns passiert schon nichts. Kommt schon gut. Doch als Bundesrat Alain Berset am Montag das Universitätsspital Lausanne besuchte, war von diesem naiven Gottvertrauen nichts mehr zu hören. “Die Schweiz ist eins der am schlimmsten betroffenen europäischen Länder”, warnte der Gesundheitsminister.

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