In Polen und Osteuropa fehlt es an Ärzten und Pflegern, dabei steigen die Infektionszahlen rasant. Der gut ausgebildete Nachwuchs ist längst in den Westen abgewandert.

Patient in einem Krankenhaus in Slaný in der Tschechischen Republik. Er muss sein Zimmer für Patienten räumen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. © David W Cerny/​Reuters

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Jacek Sasin ist so etwas wie Polens Schatzkanzler. Als Vizepremier führt er das Ministerium für Staatliche Vermögenswerte und verwaltet zum Beispiel die Rohstoffvorkommen. Menschen spielen dabei eine untergeordnete Rolle, und das prägt offenbar. Anders ist kaum zu erklären, was Sasin jüngst zum Kampf gegen Covid-19 in Polens Krankenhäusern zu sagen hatte. Das Problem sei nicht das Material, sondern das Personal: “Wir haben genug Betten, Beatmungsgeräte und die nötigen medizinischen Mittel. Leider fehlt es bei einem Teil der Ärzteschaft am Willen, alle Pflichten zu erfüllen.” Applaus für Heldinnen und Helden der Corona-Pandemie? Fehlanzeige.

Die Aufregung über Sasins Einlassungen war groß. Andrzej Matyja, der Chef der polnischen Ärztekammer, wandte sich in einem Brief direkt an Ministerpräsident Mateusz Morawiecki: “Das Vertrauen in das medizinische Personal mitten in einer Pandemie zu untergraben, ist im höchsten Maße verantwortungslos.” Viel zu untergraben gibt es da allerdings nicht mehr. Im Mai ergab eine globale Erhebung in 26 Staaten auf fünf Kontinenten, dass das Vertrauen in die Kompetenz der Ärzteschaft in Polen am geringsten ist. Das wiederum hat weniger mit den Menschen zu tun, die im Gesundheitswesen arbeiten, als vielmehr mit dem System selbst, in dem riesige Lücken klaffen.

Die Corona-Krise offenbart das in diesen Wochen äußerst schmerzhaft. Im Frühjahr war Polen noch gut durch die Pandemie gekommen. Die Regierung in Warschau nutzte damals den Zeitvorteil. Als sich die Lage in Italien zuspitzte, gab es in Polen noch keine einzige nachgewiesene Sars-Cov-2-Infektion. Der früh eingeleitete Lockdown half, Schlimmeres zu verhindern. Nun jedoch, da der Herbst europaweit zu einem starken Anstieg der Fallzahlen geführt hat, ist auch Polen schwer getroffen. Am Mittwoch meldete das Gesundheitsministerium erstmals mehr als 6500 Neuinfektionen an einem Tag. Insgesamt gab es seit März rund 142.000 Infektionen und gut 3200 tödliche Covid-Verläufe.

Leider heilt ein Beatmungsgerät nicht von selbst.

Wojciech Serednicki, Experte für Intensivmedizin

Die Gründe für die plötzliche Verschlechterung sind weitgehend die gleichen wie in Deutschland und andernorts. Partys und Feiern im Kreis der Familie, die im katholischen Polen eine besondere Rolle spielt, wirken sich ebenso aus wie die wieder gestiegene Mobilität und die nachlassende Disziplin beim Maskentragen. Kaum mit Deutschland zu vergleichen sind allerdings die Behandlungsmöglichkeiten bei schweren Covid-19-Erkrankungen. Vor allem der Personalmangel in vielen Kliniken wirkt sich verheerend aus. Wojciech Serednicki, einer der führenden polnischen Experten für Intensivmedizin, fasste es kürzlich in diese Worte: “Leider heilt ein Beatmungsgerät nicht von selbst. Wenn da niemand ist, der kompetent damit umgehen kann, richtet das mehr Schaden an, als dass es hilft”. 

Mittlerweile haben viele Kliniken damit begonnen, Ärzte ohne volle Berufszulassung im Eilverfahren intensivmedizinisch weiterzubilden. Doch Serednicki warnt, dass es “mindestens sechs Monate Schulung braucht, bis jemand ein Beatmungsgerät richtig bedienen kann”. Auf Skepsis bei Medizinern stößt auch die Idee, Feldlazarette in Jugendherbergen und Studentenwohnheimen zu errichten, sollte die Zahl der Neuinfektionen exponentiell steigen. Denn auch dort werde es letztlich an geeignetem Personal fehlen. “Der kritische Moment in dieser Pandemie wird in Polen dann kommen, wenn die Versorgung in den Kliniken zusammenbricht”, prognostiziert der Epidemiologe Tomasz Oszorowski und fügt hinzu: “Diesem Punkt nähern wir uns.” Lösungen hat aber auch er nicht im Angebot.

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Tatsächlich ist es leichter, die Hintergründe der Systemkrise zu analysieren. Dazu zählt vor allem die notorische Unterfinanzierung. Im EU-Vergleich liegt Polen bei den öffentlichen Gesundheitsausgaben pro Kopf auf dem fünftletzten Platz. Deutschland gibt etwa die dreifache Summe aus. Schlechter als Polen sind nur einige andere osteuropäische Staaten: Kroatien, Lettland, Bulgarien und Rumänien. Und die Unterfinanzierung schlägt sich natürlich auch in der Bezahlung von medizinischen Fachkräften nieder. In Westeuropa oder in Skandinavien verdienen Beschäftigte im Gesundheitswesen um ein Vielfaches mehr als in den jungen EU-Staaten im Osten. Ein Internist zum Beispiel verdient in Deutschland etwa viermal so viel wie in Polen.

Naheliegende Konsequenz: Vor allem junge, gut ausgebildete Ärztinnen und Mediziner mit Fremdsprachenkenntnissen wandern oft direkt nach der Ausbildung ab. Das wiederum hat Folgen für die Versorgungsdichte. Kamen im Jahr 2017 in Deutschland etwa 4,7 Medizinerinnen und Mediziner auf 1000 Einwohner, so waren es in Polen nur 2,4. Aber auch bei Pflegekräften und technischem Personal ist dieser “Abfluss von Kompetenz” spürbar, der im Fachjargon als Braindrain bezeichnet wird.

All das zusammengenommen muss sich in einer Pandemiesituation dramatisch auswirken. Es ist deshalb kein Zufall, dass sich in polnischen Medien die Berichte über Beschäftigte in den Kliniken des Landes häufen, die am Rande der Erschöpfung arbeiten oder bereits jenseits der Belastungsgrenze. Nicht viel anders sieht es in Tschechien aus, das in Europa aktuell mit am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen ist. Aber auch in den übrigen östlichen EU-Staaten sind die Schwierigkeiten vergleichbar mit den polnischen Problemen.

In der Ukraine wandern Pfleger wiederum nach Polen ab

Noch härter trifft es die Länder weiter östlich, insbesondere die krisengeschüttelte Ukraine. Denn von dort sind in den vergangenen Jahren ungezählte Ärztinnen und Mediziner ins benachbarte Polen abgewandert. Aber auch ukrainische, georgische oder belarussische Pflegekräfte füllen zumindest teilweise die Lücken, die der Braindrain im EU-Osten gerissen hat. Unter dem Strich macht die Corona-Pandemie daher einmal mehr sichtbar, was der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krăstev mit dem Schlagwort “Migration als Kapitulation” zusammengefasst hat: Die Leute gehen weg, weil sie nicht mehr an den Sinn des Bleibens glauben.

Krăstev hält die “im Osten grassierende Angst vor einer Entvölkerung” für das vielleicht größte Problem in Europa, auch für den Westen, der von der Zuwanderung profitiert. “In einer Welt offener Grenzen […] stehen die mittel- und osteuropäischen Länder heute vor derselben Bedrohung wie die DDR vor dem Mauerbau”, schreibt Krăstev. Der neue Nationalismus im Osten resultiere entscheidend auch aus dieser Problemlage. So gesehen könnte die Zeit nach der Corona-Pandemie, die auf all diese Schwierigkeiten ein grelles Licht wirft, europapolitisch noch sehr ungemütlich werden.



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