Rosalba Díaz hat ihre Wohnung in Bogotá verloren, weil sie wegen der Corona-Ausgangssperre kein Geld verdient. Jetzt kämpft sie um ihre Enkelinnen – und um die Existenz.

Rosalba Vargas Díaz (zweite von links) mit ihren Enkelinnen Karen Sofía und Maria Fernanda, rechts Díaz’ Schwiegertochter Diana Patricia Española und deren Tochter auf dem Dach der neuen Unterkunft der Familie © Antonia Schaefer für ZEIT ONLINE

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30 Quadratmeter, Wellblechdach, an den Außenwänden weißer Putz: Bis vor wenigen Tagen war dies das Zuhause von Rosalba Vargas Díaz und ihren beiden Enkelinnen. Dann mussten sie das kleine Haus verlassen, das oben in El Codito steht, einem der Armenviertel in den Hügeln über Bogotá. Díaz dreht den Schlüssel um und betritt das Häuschen, das sich für sie noch wie ein Zuhause anfühlt. Die Räume sind leer. Unverputzter Beton, winzige Zimmer – aber ihre Enkelinnen Karen Sofía und Maria Fernanda hatten hier wenigstens einen Raum für sich. Díaz hat den Schlüssel noch. Der neue Besitzer, der das Haus von ihrem früheren Vermieter gekauft hat, hat ihn noch gar nicht abgeholt.  

Sie erinnert sich an den Moment, als er sie besuchen kam: “Wann ziehen Sie endlich aus, Señora?”, habe er direkt gesagt, sagt Díaz. Sie wusste nicht, dass das Haus verkauft worden war. 15 Tage habe der neue Besitzer ihnen Zeit gegeben, zu räumen. 

Jetzt brauchen Díaz und ihre Enkelinnen eine neue Wohnung, aber während der Pandemie ist es für die 62-Jährige so gut wie unmöglich, eine zu finden. Díaz sammelt Glas, Plastik und Metalldosen. Was sie findet, verkauft sie einer Recyclingstation. Doch seit Ausbruch des Coronavirus kann sie nicht mehr arbeiten – und ohne Job vermietet ihr selbst in El Codito niemand eine Wohnung.

Ausgangsbeschränkungen seit März

Viele Bewohner der Armenviertel Bogotás mussten schon vor der Pandemie jeden Tag aufs Neue um ihren Lebensunterhalt bangen. Jetzt stehen sie vor dem Ruin. Mehr als 570.000 Corona-Infektionsfälle sind in Kolumbien derzeit registriert, damit liegt das Land global auf Platz acht. Täglich wurden zuletzt mehr als 10.000 Neuinfektionen gemeldet. Dabei gelten im ganzen Land seit Mitte März Ausgangsbeschränkungen und in Bogotá, wo die Krankenhäuser zwischenzeitlich zu 100 Prozent ausgelastet waren, herrschen noch striktere Regelungen als in anderen Teilen des Landes.

In besonders stark betroffenen Stadtteilen – dazu zählt El Codito – dürfen die Bewohner bis Ende August ihre Häuser nur in Ausnahmefällen verlassen. Arbeit fällt nicht darunter, es sei denn, es handelt sich um systemrelevante Jobs. Da viele der Ärmeren im informellen Sektor arbeiten oder Tagelöhner sind, trifft sie das hart. Sie können weder im Homeoffice arbeiten, noch sind sie irgendwie sozial abgesichert.

Díaz, eine kleine, gedrungene Frau in Poncho und mit Baseballcap, verlässt ihr ehemaliges Zuhause durch die Hintertür. Sie tritt über Bauschutt und drückt den kaputten Drahtzaun zur Seite, der einen kleinen Hinterhof umgibt. Ein Lehmweg führt zu einem kleinen Schuppen, den Díaz öffnet. Hinter der Tür befinden sich Küchengeräte, Geschirr, Möbel und Spielzeug.

Eine ihrer Enkelinnen, die neunjährige Karen Sofía, zieht zielstrebig eine Puppe aus einem Regal. Die Mädchen mussten ihr Spielzeug zurücklassen, als sie auszogen. “Unser Ex-Vermieter hat uns diesen Ort zur Verfügung gestellt”, sagt Díaz. Er habe nicht verhindern können, dass sie ausziehen mussten – andernfalls hätte der Käufer den Verkauf rückgängig gemacht. Díaz sagt, ihr ehemaliger Vermieter sei kein schlechter Mensch.   

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Sie kommt aus einem Dorf in Boyacá, einem Departement nördlich von Bogotá. Mit zwölf hat sie geheiratet, zwölf Kinder geboren, acht haben überlebt. Mit Ende 40 floh sie aus dem Dorf nach Bogotá. Sie habe die Schläge ihres Mannes nicht mehr ertragen, sagt sie. Doch der Neubeginn bedeutete ein Leben ohne Sicherheit.            

Das ehemalige Haus von Rosalba Díaz und ihren Enkelinnen © Antonia Schaefer für ZEIT ONLINE

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Díaz fing an, in einem Laden zu putzen, der Arepas verkaufte, die traditionellen Maisfladen mit Käse. Sie lernte, die Fladen zuzubereiten und verkaufte sie schließlich selbst. Als eine ihrer Töchter die Enkelinnen beim Kinderversorgungsdienst abgeben musste, weil ihr das Geld für Essen fehlte, adoptierte sie die beiden. Karen Sofía war damals ein Jahr alt, Maria Fernanda vier.

Karen Sofía mit einem Kinderpuzzle – eines der wenigen Spielzeuge, das sie aus ihrem alten Haus mitnehmen konnte. Der Rest ist eingelagert. © Antonia Schaefer für ZEIT ONLINE

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Dann habe sie Víctor kennengelernt, erzählt Díaz: einen großzügigen Mann, der sie und die Mädchen finanziell unterstützte. Mehrere Jahre habe sie ruhig schlafen können. “Die Kinder hatten immer genug Fleisch zu essen. Morgens, mittags, abends. Uns hat es an nichts gefehlt.”   

Doch das ist vorbei. Víctor ist seit sechs Monaten in Untersuchungshaft. Über die Gründe mag Díaz nicht sprechen. Sie sagt nur, sie sei von Víctors Unschuld überzeugt – und sie habe Angst, dass er in einem der großen Gefängnisse in Bogotá eingesperrt wird, wo viele Insassen mit dem Coronavirus infiziert sind. Ende März kam es in kolumbianischen Haftanstalten wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse und weil die Insassen Angst vor Ansteckung hatten, zu Aufständen. Erst vor Kurzem gab es wegen der hohen Infektionsraten erneut Proteste. In einem der Gefängnisse Bogotás, La Picota, waren Ende Juli bei einer Kapazität von 4.000 Insassen gut 1.400 infiziert.      

Doch vermutlich sind in dem Gefängnis viel mehr Menschen untergebracht, als es Kapazitäten bietet – darauf führen Experten die hohe Ansteckungsrate unter anderem zurück. “In vielen Gefängnissen in Südamerika gibt es viel zu wenig Platz”, sagt German Fernandez, Leiter des Ärzteverbundes Bogotá und Cundinamarca. “In einem Raum, der für vier Personen ausgelegt ist, schlafen zehn bis zwölf. Die Infektionsgefahr ist dadurch natürlich höher.”

Drei Räume, sieben Menschen

Díaz bricht die Stimme, wenn sie über Víctor spricht. Seine Anhörung ist im Oktober – doch das ist noch lange hin und Díaz hat gerade drängende Sorgen. Seit sie ihr Haus räumen musste, wohnt sie mit ihren Enkelinnen in einem Zimmer in der Wohnung eines ihrer Söhne: drei Räume, sieben Menschen, neben Díaz und ihren Enkelinnen sind das ihr Sohn, ihre Schwiegertochter und deren beider Töchter. Doch auch die Familie ihres Sohnes kann seit einem Monat ihre Miete nicht mehr bezahlen. In normalen Zeiten arbeitet der Sohn wochenweise auf dem Bau, hat aber wegen der Pandemie auch kaum noch Arbeit. Díaz fühlt sich nicht wohl, die Familie so zu belasten.                          

Gemeinsam mit ihren Enkelinnen läuft sie durch das Viertel El Codito zur Wohnung ihres Sohnes. Es ist ein kurzer Weg zwischen unverputzten Häusern, behelfsmäßigen Anbauten, Wäscheleinen. Doch selbst auf diesen wenigen Metern kommen sie an Dutzenden roter Tücher vorbei. Sie hängen an den Unterkünften von Familien, die Hunger leiden – die Tücher sind ein Signal für die Hilfsorganisationen, eine dringende Bitte um Lebensmittel. Díaz hat kein Tuch rausgehängt: “Unser Haus war zu abgelegen”, sagt sie, “dort kam niemand vorbei.”  

Trotzdem mussten die Kinder bisher nicht hungern. Die Nachbarn haben die Organisationen auf sie aufmerksam gemacht und gaben auch selbst Lebensmittel. “Einer hat mir neulich einen Schweinehals geschenkt, ein anderer Entenfüße”, sagt Díaz. “Damit kann ich die Kinder zumindest gut ernähren.” Sie selbst aber habe stark abgenommen. Sie esse weniger als früher, denn: “Alles, was ich esse, bekommen die Kinder nicht.” 

Karen Sofía ist neun Jahre alt, Maria Fernanda elf. Seit die Pandemie ausgebrochen ist, können die beiden nicht mehr in die Schule. Gemeinsam mit ihren Cousinen erledigen sie ihre Hausaufgaben. Díaz‘ Schwiegertochter Diana Patricia Española hilft ihnen dabei. Damit die Kinder mithalten können, hat die Familie einen gebrauchten Computer angeschafft. Doch die Aufgaben müssen gedruckt in der Schule abgegeben werden, und für den Drucker hat das Geld nicht mehr gereicht. Besonders Maria Fernanda macht sich Sorgen: Sie hat sehr gute Noten in der Schule, sie will nicht zurückfallen.     

Blick von El Codito hinunter nach Bogotá. Von hier aus kann man fast die ganze Stadt überblicken. © Antonia Schaefer für ZEIT ONLINE

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Johnathan Cordoba, 35, arbeitet bei der Hilfsorganisation Ayuda por Colombia. Er kennt die Familie seit Jahren und bringt einmal im Monat Lebensmittel, die mit Spenden bezahlt werden. Normalerweise hat seine Organisation auch Bildungsangebote für Kinder aus El Codito: Ein Freiwilliger gibt nachmittags Kunst- und Musikstunden, außerdem erhält jedes Kind ein warmes Essen.

Doch seit Ausbruch der Pandemie geht das nicht mehr. Damit falle auch eine wichtige Kontrolle weg, sagt Cordoba. Und illegale Gruppen nutzten die Not der Menschen aus. “Hier im Viertel leben viele durch den Krieg zwischen Regierung und Guerilla vertriebene Familien. Und der Krieg ist mit ihnen hierhergekommen”, sagt Cordoba. “Es gibt während der Pandemie zu wenig finanzielle Unterstützung durch den Staat, deshalb haben viele verstärkt angefangen, auf illegale Weise Lebensmittel zu beschaffen. Etwa durch Drogenhandel – dafür werden auch die Kinder benutzt.”

Das Kinderversorgungsamt droht

Die Stadtregierung bietet eigentlich Unterstützung für bedürftige Familien. Während der Pandemie sei sie je nach Stadtteil noch verstärkt worden, sagt Alejandro Borraez, Sprecher des Sekretariats Soziale Integration Bogotá. Die Zuteilung von Hilfsangeboten hänge aber unter anderem vom Anspruch auf Sozialhilfe durch die staatliche Einrichtung Sisbén ab.

Díaz hätte eigentlich Anspruch auf diese Hilfe. Doch als ein Gutachter kam, um dessen Höhe zu berechnen, hätte er den Schuppen, in dem sie ihre Sachen aufbewahrt, als Eigentum gewertet, erzählt sie. Deshalb erhält sie nichts. “Ich habe ihm gesagt, dass er nicht mir gehört, aber er hat gar nicht zugehört”, sagt Díaz. 

Weil sie zu wenig Geld habe, hat sich nun das Kinderversorgungsamt wieder eingeschaltet. Seit Ausbruch der Pandemie sind dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder häufiger im Viertel unterwegs, um die Familien mit Kindern zu begutachten. Díaz sagten sie, es bestünde die Möglichkeit, dass ihr die beiden Enkelinnen weggenommen würden – bis Januar habe sie Zeit, Lebensumstände vorzuweisen, die kindgerecht seien. Auch deshalb ist es so wichtig für die kleine Familie, eine eigene Wohnung zu finden.

Rosalba Díaz beim Kaffeekochen © Antonia Schaefer für ZEIT ONLINE

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Díaz steht in der Küche ihres Sohnes und macht Kaffee auf dem Gasherd. Das Licht kommt von einer Neonröhre, auf dem Sofa spielen die Kinder mit Katzenbabys, die Hauskatze Luna hat vor einigen Wochen geworfen. Díaz schüttet Wasser in die Blechkanne auf dem Gasherd, streicht sich mit der Hand übers Gesicht. Sie will nicht mehr weinen, sagt sie. Und tut es dann doch.

Derzeit lebt sie von 120.000 Pesos Alterszuschuss im Monat, den sie von der Regierung bekommt. Umgerechnet sind das etwa 27 Euro. Dazu kommen 5.000 Pesos, etwas mehr als ein Euro, Corona-Hilfe im Monat. Die niedrigste Miete in der Umgebung, die Díaz finden konnte, liegt bei etwa 350.000 Pesos monatlich – ohne Wasseranschluss. Zur Miete kämen also noch die Kosten für das Wasser, das sie in Kanistern hinzukaufen müsste. Für Díaz unbezahlbar.

Im März und April, als die Pandemie gerade ins Land gekommen war, seien viele Hilfsorganisationen mit Essen, Wasser und Kleidung für die Kinder gekommen, erzählt sie. Doch mit der Zeit habe das nachgelassen. Die Familie Díaz ist von den Essenspaketen abhängig. Rosalba Díaz hat vor vielem Angst, doch vor allem davor, dass die Welt sie vergisst.



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