Die Corona-Fälle steigen, es zeigt sich: Viele waren im Sommer beim Feiern und auf Reisen zu sorglos. Nun denken Politiker und Mediziner wieder über Einschränkungen nach.

Partymachen in Pandemiezeiten: Nicht nur den jungen Menschen fällt es schwer, beim Feiern auf Abstand zu achten. © Loui Castro-Garcia/​unsplash.com

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Mit dem Ende der Ferienzeit, mit erneut steigenden Corona-Infektionszahlen wird der Ruf nach strengeren Regeln lauter: So forderte Susanne Johna, Vorsitzende des Ärzteverbandes Marburger Bund, am Montag, die Länder sollten jetzt einheitliche Obergrenzen für die Anzahl der Gäste bei privaten und öffentlichen Feiern festlegen. Ähnlich äußerte sich zuletzt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der zu mehr Umsicht beim Partymachen mahnte. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte am Dienstag, wenn es so weiterginge mit den Infektionszahlen, müsse man bei den privaten Feiern ansetzen mit Einschränkungen, auch, wenn es jetzt noch nicht so weit sei.

Das Unisono ist kein Wunder: Sehr viele Ansteckungen finden derzeit unter Reiserückkehrern statt und unter Menschen, die in größeren Gruppen gefeiert haben. Aber die späte Einsicht der Mediziner und der Politik überrascht nun doch: Warum erst jetzt? Seit Monaten ist klar, dass vom engen Zusammentreffen in Menschengruppen das größte Infektionsrisiko ausgeht. Dafür gab es sowohl reichlich wissenschaftliche Evidenz aus Asien bereits vor der Pandemie als auch international genügend Beispiele von Familienfeiern, Clubbesuchen bis hin zu Chorproben während der Pandemie. Superspreader-Ereignisse, jene Begebenheiten, bei denen ein Mensch ganz viele andere ansteckt, brauchen genau diese Gelegenheiten mit Nähe und Masse, in der Fleischfabrik ebenso wie beim Gottesdienst. Das Virus ist da nicht wählerisch.

Viele sind wohl doch zu sorglos

Hat es die Politik zu gut gemeint damit, an die Eigenverantwortung der Menschen zu appellieren und darauf zu vertrauen, dass die Bürgerinnen und Bürger auch angeheitert noch Abstand halten? Oder haben sich die Verantwortlichen vor neuen Vorschriften, klareren Empfehlungen gedrückt – aus Angst vor noch mehr Straßenprotest gegen die Einmischung in die Freiheiten jedes Einzelnen?

Alles deutet leider darauf hin: Viele Deutsche sind zu sorglos mit den Gefahren durch Sars-CoV-2 umgegangen. Während ein guter Teil der Bevölkerung weiterhin aufmerksam Abstand gehalten hat, der Kellnerin selbst im Gartenlokal ausgewichen ist und die Maske aufsetzt, hat es ein anderer Teil der Deutschen in den Sommerwochen womöglich zu sehr krachen lassen.

Geschah das aus Unwillen oder doch aus Unwissenheit? Haben es viele Bürgerinnen womöglich nicht besser gewusst? Haben zu viele die Mechanismen der Pandemie immer noch nicht richtig verstanden, nicht begriffen, dass dieses Virus wirklich gefährlich ist und wie es sich vermehrt? Womöglich, weil sich zu viele Menschen inzwischen jenseits seriöser Berichterstattung informieren – oder gar nichts lesen? Haben sich auch die seriösen Medien zu prominent mit den Schreihälsen à la Attila Hildmann und ihren Falschbotschaften beschäftigt und die Verharmlosung des Virus so perpetuiert? Oder hatten die Leute einfach die Nase voll vom Thema Corona? Waren müde? Saß womöglich der Stress und Frust der vergangenen Monate zu tief und war auch die Sorge zu stark, dass all das bald wieder unmöglich werden könnte? War der Impuls: jetzt oder nie? Fehleranalyse täte not. Doch so wichtig es wäre, die Ursachen der aktuellen Trendwende in der Pandemieentwicklung zu begreifen, wir können nicht warten, bis wir alles verstanden haben: Wir müssen lernen aus dem, was wir sehen, und zwar schnell.

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Wer jetzt zurückstehen muss

Der Sommer ist bald vorbei, die Urlaubszeit geht zu Ende, in der wir uns von den Belastungen in der ersten Welle etwas erholen konnten. Noch lässt sich draußen feiern, noch lassen sich die Fenster aufreißen, weil es warm ist. Doch es braucht bessere Ideen, wie sich das Zusammentreffen von Menschen im Alltag regeln lässt, erst recht in der kühleren Jahreszeit. Denn das Virus ist ungebremst, die Impfungen lassen noch auf sich warten. Und der Mensch verträgt Isolation auf Dauer nicht gut, er braucht ein Mindestmaß an Verbindung, um gesund und bei Laune zu bleiben. Auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler jedenfalls kann es nicht noch einmal ausgetragen werden. Kinder, die nun auch in der zweiten Klasse das Lesen nicht lernen und erneut alle Buchstaben vergessen, sollte sich eine Gesellschaft wirklich nicht erlauben. Da sollten jetzt andere Gruppen zurückstehen.

Und wenn es schmerzt: Hochzeiten lassen sich auch 2021 noch ausschweifend feiern, Querlüften beim Kaffeetrinken kann wirklich jeder. Feuchtfröhliche Feiern und große Partys ohne Abstand funktionieren nicht wirklich während einer Pandemie, in geschlossenen, schlecht gelüfteten Räumen schon mal gar nicht. Herzen und Küssen zur Begrüßung geht auch nicht. So bitter es ist. Warum traut sich kaum ein Politiker, das ernsthaft zu sagen? Wo sind die Kommunikationskampagnen des Bundes und der Länder und ihrer Ministerien und Behörden, die diese Dinge einmal auf den Punkt bringen, ohne altväterlich-paternalistisch zu wirken? Die Plakate der Bundesregierung mit der AHA-Botschaft “Abstand, Hygiene, Alltagsmaske” kamen schon reichlich spät – und sie lassen die Leute letztlich allein mit all den Problemen: Abstand, ja gut, aber wie soll es gehen? Wie soll ich lüften im Klassenzimmer, wie soll ich eine Trauerfeier anständig begehen? Was lässt sich rational empfehlen? Und bitte nicht in 16 Varianten. Im Moment hält es jedes Bundesland anders: Da ist an der einen Stelle das Baden im See verboten, an der anderen dürfen einfach 1.000 Menschen zusammenkommen. 

Was lässt sich konkret empfehlen, damit das Leben weitergehen kann, aber die Pandemie so gut wie möglich unter Kontrolle bleibt? Noch einen Lockdown wie im Frühjahr kann sich ja niemand ernsthaft wünschen. Wir wissen jetzt bereits viel mehr über das Virus und dieses Wissen muss an die Menschen und es muss in klaren Botschaften erklärt werden. Auch das ist die Aufgabe von Politik und von Medizin. Die schlichte Botschaft “Die Party ist vorbei”, der Appell “Hört auf zu feiern”, wird da nicht reichen.



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