Die Methoden, mit denen Vietnam gegen die Corona-Pandemie vorgeht, wären in vielen westlichen Ländern schwer vermittelbar. Aber sie sind erfolgreich.

Covid-19-Tests in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi für Rückkehrer aus der Stadt Danang © Linh Pham/​Getty Images

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Noch vor ein paar Wochen war die Stadt Danang Symbol für Vietnams Erfolg im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie. Knapp eine Million Menschen aus anderen Landesteilen war im Juli in der Küstenmetropole zu Besuch, die besonders wegen ihrer weißen Strände und exzellenten Meeresfrüchterestaurants beliebt ist. Die Urlauber konnten unbeschwert schwimmen, feiern und einkaufen – weil in dem Land seit Monaten keine einzige Coronavirus-Infektion mehr festgestellt worden war. Doch mit Patient 416 ist die Zeit der Sorglosigkeit in Danang auf einen Schlag zu Ende gegangen.

Mit den drei Ziffern bezeichnen die vietnamesischen Behörden einen 57 Jahre alten Mann, der nach 99 Tagen ohne bestätigte Infektionen zu Vietnams erstem Covid-19-Patienten wurde. Wie er sich angesteckt hat, ist ungeklärt – schließlich ist das Land seit Monaten weitgehend abgeriegelt. Staatsmedien legen nahe, dass illegale Einwanderer aus China das Virus wieder ins Land gebracht haben könnten.

Die Urlaubsstimmung in Danang ist jedenfalls vorbei: Unmittelbar nach dem positiven Testergebnis verhängten die Behörden Anfang vergangener Woche einen neuen Lockdown über weite Teile der Stadt. Deren Bewohner dürfen ihre Wohnungen vorerst nur noch verlassen, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen.

In westlichen Ländern schwer vermittelbar

Die schnelle Reaktion ist die Fortsetzung von Vietnams Sonderweg im Umgang mit der Corona-Pandemie. Während die meisten Länder sich damit abgefunden haben, dass sie auf absehbare Zeit mit dem Virus leben müssen – und die Kurve der Neuinfektionen allenfalls flach halten können –, versucht der kommunistisch regierte 100-Millionen-Einwohner-Staat in Südostasien Covid-19 innerhalb seiner Grenzen komplett auszulöschen. Mit frühzeitigen, gezielten Eingriffen und harten Quarantänevorgaben hatte das Land schon bei der Eindämmung der ersten Viruswelle Erfolg. Nun will die Regierung in Hanoi beweisen, dass der Weg auch ein zweites Mal funktioniert.

Die Herausforderung scheint dieses Mal aber noch größer zu sein: Während Vietnams Gesundheitsbehörden zu Beginn des Jahres bereits vergleichsweise wenige Fälle rasch isolieren konnten, sind nach dem jüngsten Ausbruch bereits Infektionen in mehreren Landesteilen bekannt geworden. Danang meldete mehr als 200 Fälle. In zehn weiteren Regionen ist es ebenfalls zu Erkrankungen gekommen, die sich fast alle auf das Epizentrum Danang zurückführen lassen. “Die ersten Augusttage sind jetzt entscheidend, um zu verhindern, dass sich das Virus großflächig ausbreitet”, sagte Premierminister Nguyen Xuan Phuc.

Die Methoden, mit denen Vietnam gegen die Pandemie vorgeht, wären in vielen westlichen Ländern wohl schwer vermittelbar – haben sich in der Vergangenheit aber als außerordentlich effektiv herausgestellt. Über die Wohnorte und die Plätze, an denen sich positiv getestete Patienten aufgehalten haben, veröffentlichen die Behörden Minutenprotokolle zur Kontaktverfolgung. Nach dem Ausbruch in Danang ermittelten sie so mehr als 13.000 direkte und indirekte Kontakte.

Sie alle müssen sich für vierzehn Tage in Isolation begeben – teilweise im eigenen Zuhause, teilweise in staatlichen Einrichtungen. Dort werden die Betroffenen mehrmals täglich auf Symptome untersucht. Sprechen ist in den Quarantänezentren nicht erwünscht.

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Auch Menschen, die nicht als Kontaktpersonen von Infizierten gelten, werden mitunter von der Außenwelt abgeschottet. In mehreren Städten wie unter anderem der südvietnamesischen Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt wurden nach Infektionsfällen lokalen Medien zufolge in den vergangenen Tagen ganze Straßen verbarrikadiert. Danang, eine Millionenstadt, ist vorerst vom Flug- und Bahnverkehr abgeschnitten. Die Entschlossenheit brachte Vizepremierminister Vu Duc Dam auf den Punkt, der die Anti-Corona-Maßnahmen der Regierung koordiniert: “Zweite Pandemiewellen mag es anderswo auf der Welt geben”, sagte er. “Aber wir haben den festen Willen, das bei uns nicht zuzulassen.”

Der eiserne Wille hat Vietnam bereits früh zum Vorreiter der Pandemiebekämpfung gemacht. Als erstes Land außerhalb Chinas riegelten die lokalen Behörden bereits Anfang Februar wegen eines Corona-Ausbruchs ein ganzes Dorf von der Außenwelt ab. Damals verzeichnete Vietnam insgesamt erst sechzehn bekannte Infektionen. Auch die Schulen wurden damals aus Sorge vor der Pandemie gleich geschlossen – zu einer Zeit, in der man in Europa noch Après-Ski-Partys und Karneval feierte.

Sieben Fälle pro einer Million Einwohner

Seit März sind die Grenzen für fast alle Ausländer geschlossen. Vietnamesen, die aus dem Ausland zurückkehren, müssen seitdem nach der Einreise zwei Wochen in Quarantäne, wo sie mehrfach auf das Virus getestet werden. Zum Vergleich: In Deutschland ordnete die Bundesregierung erst an diesem Donnerstag verpflichtende Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten an.

Aus epidemiologischer Sicht hat sich Vietnams konsequente Corona-Politik ausgezahlt: Der in Hanoi arbeitende Infektionskrankheitenexperte der Harvard Medical School, Todd Pollack, räumt in einer Bilanz der vergangenen Monate zwar ein, dass das strikte Vorgehen des Einparteienstaates wohl nicht in jedem Land kopiert werden könne. Er kommt mit Blick auf Vietnams Erfahrungen aber zu der klaren Schlussfolgerung: “Frühes Handeln – von Grenzschließungen über Tests und Lockdowns – kann die Ausbreitung stoppen, bevor das Virus außer Kontrolle gerät.”

Mit bisher erst sieben Infektionsfällen pro einer Million Einwohner ist Vietnam unter den bevölkerungsreichen Staaten der Welt aus gesundheitlicher Sicht bisher mit Abstand am besten durch die Pandemie gekommen. Bis vor einer Woche hatte das Land auch noch keinen einzigen Corona-Toten zu beklagen. Inzwischen liegt die Zahl der Todesopfer bei zehn. Der Corona-Erfolg hat dem Land auch wirtschaftlich genutzt: Die Einschnitte waren vergleichsweise kurz, das Land konnte so schnell zu einem vergleichsweise normalen Alltag zurückkehren. Während die Nachbarstaaten in die Rezession rutschen, kann Vietnam deshalb auch im Corona-Jahr noch mit einem spürbaren Wachstum rechnen.

Diesen Aufschwung will Hanois oberster Krisenmanager Vu Duc Dam auch trotz des aktuellen Virusausbruchs nicht gefährden: “Wir haben nicht die Absicht, es zu einem erneuten landesweiten Lockdown kommen zu lassen”, versprach er. “Wenn alles gut läuft, sind wir zuversichtlich, dass wir die Krankheit zurückschlagen können.”



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