In Katalonien steigt die Zahl der Corona-Infizierten stark an. Der Streit zwischen den Regionen und der Zentralregierung in Madrid erschwert die Bekämpfung der Pandemie.

Mit Maske an den Strand: Szene aus Barcelona © Nacho Doce/​Reuters

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Überall in Spanien entstehen derzeit neue Corona-Infektionsherde: Laut Gesundheitsministerium gibt es mehr als 400 lokale Ausbrüche der Pandemie. Besonders dramatisch scheint die Situation in Katalonien. Die Lage sei kritisch, warnen die dortigen Gesundheitsbehörden. Zwar steigt die Zahl der Patienten in der Intensivmedizin noch nicht besonders deutlich an, aber in den Gesundheitszentren ist sie bereits viermal höher als in der letzten Juniwoche. Das Auswärtige Amt rät von Reisen nach Katalonien ab – der Urlaub an der Costa Brava und der der Städtetrip nach Barcelona fallen aus. 

Für die Tourismusbranche ist das ein Schock, und damit für die ganze Wirtschaft. In Katalonien ist der Tourismus mit zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung eine der wichtigsten Säulen der Ökonomie. Die Regionalregierung bemüht sich daher um Schadensbegrenzung. Auf einer Pressekonferenz appellierte ihr Präsident Quim Torra zunächst eindringlich an die Bevölkerung, soziale Kontakte zu vermeiden und so weit wie möglich zu Hause zu bleiben. Danach wandte er sich auf Englisch an die Presse und bewarb Katalonien als sicheres Urlaubsziel.

Es war ein etwas abenteuerlicher Spagat, bei dem die Frage außer Blick geriet, wer eigentlich verantwortlich ist für das Ansteigen der Infektionszahlen: die Touristen, die teils ohne Maske durch die Straßen flanieren? Die jungen Spanier, die trotz Corona-Krise noch etwas vom Sommer haben wollen und sich am Strand ein Bier teilen? Die Gesundheitsverwaltung?

Angerufene legten auf

Da die katalanische Regionalregierung und das Madrider Gesundheitsministerium die Infiziertenzahlen unterschiedlich berechnen, lässt sich das gesundheitliche Risiko einer Reise nach Barcelona nur schwer statistisch ausdrücken: Madrid erfasst lediglich die in den letzten 24 Stunden positiv ausgefallenen Tests auf das neuartige Coronavirus selbst. Barcelona registriert daneben auch Antikörpertests und Fälle mit Covid-19-kompatiblen Symptomen und rechnet außerdem die nicht gemeldeten Fälle aus vorherigen Tagen dazu.

Das führt zu teils beträchtlichen Differenzen: So meldeten die katalanischen Gesundheitsbehörden am Mittwoch 969 neue Infizierte und acht Todesfälle. Das spanische Ministerium hingegen kam für Katalonien lediglich auf 211 neue Fälle. Am Donnerstag verzeichnete die Regionalstatistik des Gesundheitsministeriums die meisten neuen Infektionsfälle zwar nicht in Katalonien, sondern in Aragón, in der Hauptstadt Madrid und im Baskenland – doch im Vergleich über zwei Wochen hinweg liegt Katalonien mit insgesamt 10.899 Infektionen vorn. Und egal welche Zahl man wählt: Dass die Infektionskurve in Katalonien steigt, ist unbestritten. Doch wer ist schuld daran?

Für Miquel Porta Serra, Epidemiologe am Hospital del Mar in Barcelona, ist der Hauptgrund klar. Er sagt: “Das Früherkennungssystem der katalanischen Regionalregierung hat dramatisch versagt.” Diese hatte zunächst für 17 Millionen Euro eine Tochterfirma des Bauunternehmens Ferrovial damit beauftragt, die Infektionsketten nachzuvollziehen. Wer Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte, wurde von einer unbekannten Nummer angerufen und zunächst nach seinen persönlichen Daten gefragt, schildert die Onlinezeitung eldiario.es. Viele Angerufene legten gleich wieder auf. Den Behörden gelang es auf diese Art, pro infizierter Person lediglich zwei Kontakte zu ermitteln – so wenig wie sonst nur in der Region Madrid.

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Hohn und Spott

Nachdem es Kritik aus dem Gesundheitssektor gehagelt hatte, hat die Regionalregierung versucht, den Vertrag aufzulösen. Nun will sie bis zu 500 zusätzliche Personen für die Kontaktverfolgung einstellen. “Die Verantwortlichen haben einfach nicht das getan, was sie hätten tun müssen”, sagt Porta. Dabei wisse man bereits seit April, wie wichtig die Kontaktverfolgung zur Pandemiekontrolle sei, neben den Tests. Doch in vielen Gesundheitszentren beginne man erst jetzt mit der Schulung von Personal. “Besser spät als nie”, sagt Porta dazu.

Während sich in Katalonien die Kritik vor allem auf das Management der Krise durch das regionale Gesundheitsministerium konzentriert, kommentieren konservative spanische Medien das Wiederaufflackern der Pandemie dort teils mit Hohn und Spott. Hatte die katalanische Regionalregierung im Frühjahr, auf dem Höhepunkt der Pandemie, nicht behauptet, in einem “unabhängigen Katalonien hätte es weniger Tote und Infizierte gegeben”?

Die Corona-Krise wird in Spanien immer wieder vom politischen Streit überlagert. Das ist jetzt nicht anders als im Frühjahr, als das Land mit Bildern von überfüllten Intensivstationen und dramatischen Totenzahlen weltweit für Schlagzeilen sorgte: 28.441 Menschen starben in Spanien an Covid-19. Rechnet man die Verdachtsfälle dazu, sind es laut Berechnung der spanischen Tageszeitung El País sogar 44.868, mehr als in jedem anderen europäischen Land. 

Der spanische Thinktank Real Instituto Elcano hat in einer Studie die Gründe für die hohen Infizierten- und Totenzahlen in Spanien analysiert. Neben der Altersstruktur der spanischen Gesellschaft, den dicht besiedelten Städten und Ferienregionen, der hohen Mobilität und den Schwächen des Gesundheitssystems spielt darin auch die politische Struktur einer Rolle.

In Spanien sind eigentlich die 17 autonomen Gemeinschaften für das Gesundheitswesen zuständig. Die regionalen Gesundheitsämter stimmen sich über einen interterritorialen Rat mit dem Gesundheitsministerium in Madrid ab. Mit dem Beginn des Alarmzustands wurden alle Institutionen dem Madrider Gesundheitsministerium unterstellt. “Wenn man so ein komplexes System einfach umstellt, führt das natürlich zu Schwierigkeiten”, sagt Ignacio Molina, einer der drei Autoren der Studie. Da das Madrider Gesundheitsministerium zwar politische Macht, aber kaum Zugriff auf die notwendigen Ressourcen und Daten habe, seien Missverständnisse, Kompetenzstreitigkeiten, Verzögerungen quasi vorprogrammiert gewesen. “Die Zentralisierung war nicht per se ein Fehler, aber das System war einfach nicht darauf ausgerichtet”, sagt Molina.

Fototermin statt Sitzung

Hinzu kam der politische Konflikt – ausgerechnet mit Madrid und Katalonien, also den beiden am stärksten von der Pandemie betroffenen Regionen. Die sezessionistische katalanische Regionalregierung witterte hinter dem Alarmzustand eine autoritäre Rezentralisierung und “Zwangsverwaltung durch die Hintertür”. Und in Madrid bezichtigte die konservative Präsidentin der Regionalregierung, Isabel Díaz Ayuso, Premier Pedro Sánchez der Fahrlässigkeit. Ayuso ließ schon mal eine gemeinsame Besprechung sausen, um vor einem Flugzeug mit Sanitärmaterial für Fotos zu posieren.

Beide Regionalregierungen hätten sich während der Pandemie vorsätzlich illoyal verhalten, so sieht es der Epidemiologe Miquel Porta: “Aus Madrid und Barcelona wurden teils Fallzahlen ohne die erforderlichen Informationen zu Alter, Geschlecht und Infektionsdaten an das spanische Gesundheitsministerium übermittelt. Dabei ist es unmöglich, eine Pandemie effektiv zu bekämpfen, wenn man keine vernünftigen Daten hat.” Aus wahltaktischem Kalkül habe man das gesundheitspolitische Interesse hintangestellt und Wissenschaftler und Techniker an den Rand gedrängt. Es sei, sagt Porta, “ein Drama für die Demokratie”.

Mit dem Ende des Alarmzustands Ende Juni fielen die Kompetenzen für das Gesundheitswesen wieder zurück an die autonomen Regionen. Nun geht der politische Streit unter veränderten Vorzeichen weiter.

Ignacio Molina vom Thinktank Instituto Real Elcano hält das für ein großes Problem. Um künftig einen reibungsloseren Ablauf zwischen regionalen Gesundheitsämtern und Zentralregierung zu garantieren, müssten Steuerungsorgane reformiert werden. “Doch das ist angesichts des politischen Dauerstreits in Spanien einfach nicht machbar”, sagt Molina. Er hält das für fatal, denn die nächste Infektionswelle komme bestimmt.  



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