Brasilien ist von Covid-19 hart getroffen. Der Amazonaskrieger Madarejúwa Tenharim berichtet, wie das Virus sein Dorf trifft und das Überleben seines Volkes gefährdet.

Madarejúwa Tenharim (rechts), seine Familie beim Mbotava-Fest Anfang Juli (links) © Josiel Tenharim; Thomas Fischermann für “Der letzte Herr des Waldes”

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Der 23-jährige Madarejúwa Tenharim ist ein Krieger des Amazonasvolkes der Tenharim, in dessen Stammesgebiet vor wenigen Tagen die Corona-Pandemie ausgebrochen ist. Das Virus ist die neuste lebensgefährliche Bedrohung für das Volk, das seit Jahren von Attacken durch Goldgräber, Holzfäller und andere Invasoren heimgesucht wird. ZEIT-Redakteur Thomas Fischermann hat die Tenharim jahrelang immer wieder besucht und gemeinsam mit Madarejúwa ein Buch verfasst. Derzeit halten die beiden übers Internet Kontakt. Madarejúwa hat für diesen Text mit den Häuptlingen und Krankenschwestern in der Region um sein Heimatdorf Marmelos gesprochen. Was er über die Pandemie berichtet, hat Fischermann in diesem Protokoll zusammengefasst.

Es hat bei uns jetzt den ersten Toten gegeben. Nicht bei meinen eigenen Leuten, beim Volk der Tenharim, aber bei unseren Nachbarn, den Parintintin. Wir leben zusammen mit ihnen und anderen Völkern in unserem Gebiet, durch das der Fluss Marmelos führt, über den wir alle gemeinsam zum Jagen fahren. Wir sind Verwandte, wir sprechen die gleiche Sprache, und die Parintintin haben eine ähnliche Kultur wie wir. Der Mann, der gestorben ist, war schon alt. Er hieß Luiz Parintintin.

Ich bin Madarejúwa Tenharim, und von Beruf bin ich ein Krieger bei meinem Volk. Ich bin also für die Jagd und auch für die Verteidigung zuständig. Aber gegen die Pandemie können wir nicht viel tun. Was denn auch? Bei den Tenharim sind jetzt vier Fälle von Coronavirus bestätigt, und acht Menschen warten auf die Ergebnisse ihrer Tests. Bei den Jiahui sind drei Fälle bestätigt und zehn warten auf die Tests, bei den Parintintins sind sechs Fälle bestätigt und dreizehn warten auf die Tests. 

Du fragst, wie die Krankheit zu uns gekommen ist? Ich glaube, ein paar Verwandte haben sie mitgebracht.

Die meisten meiner Verwandten sind aber kräftig, sehr gesund. Sie erholen sich von einer Krankheit schnell. Wenn sie Fieber bekommen, werden sie vom staatlichen Gesundheitsdienst für die indigene Bevölkerung abgeholt, er heißt Sesai. Die Sesai-Leute kommen mit einem großen Truck, und sie sind von oben bis unten in Plastikfolie eingepackt, sie atmen durch weiße Masken. Sie transportieren die Kranken nach Humaitá, in die nächstgrößere Stadt. Dort gibt es eine Krankenstation speziell für uns Índios.

Ich bin selber schon auf der Krankenstation gewesen. Im Mai bekam ich hohes Fieber, und dann haben sie mich 14 Tage lang dortbehalten und Tests gemacht. Am Ende haben sie gesagt, es ist kein Covid-19 gewesen. Es gibt ja auch viele andere Krankheiten hier, viele Fieber, Dengue, Malaria. Dann bin ich ins Dorf zurückgefahren. Du fragst, wie die Krankheit zu uns gekommen ist? Ich glaube, ein paar Verwandte haben sie mitgebracht, weil sie in die Stadt gefahren und in die Dörfer zurückgekommen sind. Du fragst, wie das sein kann, obwohl es doch eigentlich verboten ist? Das stimmt, unsere Häuptlinge und die Behörden haben jeden Kontakt zwischen der Welt der Weißen und unseren Dörfern untersagt. Aber vielleicht sind die Verwandten noch vorher dort gewesen.

Die Fernstraße Transamazônica geht mitten durch unser Land. Sie führt an einigen Dörfern vorbei, aber kein Autofahrer darf mehr bei uns halten. Unsere Krieger in den Dörfern achten genau darauf, und an den Eingängen zum Reservat stehen Wachposten des Militärs der Weißen. Sie kontrollieren alle Autofahrer und sagen ihnen, dass sie nicht halten dürfen. Sie messen, ob jemand Fieber hat. Das machen sie Tag und Nacht.

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Meine eigene Familie kommt ohne Einkäufe aus. Jetzt ist eine gute Zeit für die Jagd.

Sogar Lebensmittel werden uns inzwischen von der Regierung gebracht, Reis, Bohnen und solche Dinge, weil niemand mehr in die Stadt fahren darf. Man darf nur noch einmal im Monat dorthin, begleitet von der Sesai oder von der Behörde für den Schutz von Indigenen Funai, falls man zum Arzt oder zu einer Behörde muss. Einkaufen darf man nicht. Aber ich glaube, einige Verwandte sind doch in die Stadt gefahren. Ich weiß es nicht genau. Ich kann es eigentlich nicht richtig sagen, nein, ich würde sagen, keiner von uns fährt mehr in die Stadt. Meine eigene Familie kommt ohne Einkäufe aus. Jetzt ist eine gute Zeit für die Jagd. Ich habe gestern zuletzt etwas gejagt, es hat gar nicht lange gedauert, einen Paka habe ich mitgebracht. Ich finde, das Fleisch aus dem Wald ist von hoher Qualität.

Die Brücke, die über den Marmelos-Fluss führt, liegt gleich neben meinem Dorf, das auch Marmelos heißt. Von unserem Haus aus kann ich sie sehen. Die Autos fahren jetzt besonders schnell darüber, sie halten gar nicht mehr an. Vor ein paar Wochen ist ein Mann mit seiner Familie so schnell über die Brücke gefahren, dass er abgerutscht ist und das Auto ins Wasser fiel. Vielleicht hat er Angst gehabt und ist deshalb so schnell gefahren. Ich bin mit meinen Verwandten ins Wasser gesprungen, wir haben die Scheibe mit einem Stein zertrümmert und die Familie herausgezogen. Das ist jetzt schon einige Wochen her.

Wenn wir das nicht gemacht hätten, wären sie ertrunken. Das Auto war schon unter Wasser, auf dem Grund. Der Mann und seine Familie leben in einer der Siedlungen, wo auch die Holzfäller zu Hause sind und wo die Sägewerke stehen. Sie stehlen unseren Wald und bedrohen uns. Es gibt viel Gewalt gegen mein Volk. Wir müssen uns viel verteidigen. Im vergangenen Jahr hat es große Feuer in unserem Land gegeben, und einige Häuptlinge glauben, dass sie von Eindringlingen gelegt wurden. Es gibt hier Rinderzüchter, die mehr Land gewinnen wollen. Aber ich war kürzlich an den Orten, wo es gebrannt hat; Rinder habe ich keine gesehen. Viele glauben, dass es im August wieder brennen wird. Die Trockenzeit hat begonnen, und es wird ein sehr heißes Jahr.

Auf der Brücke über dem Marmelos-Fluss © Thomas Fischermann für “Der letzte Herr des Waldes”

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Dem Fahrer des Autos, der in unseren Fluss gefahren ist, haben wir geholfen. Er hatte eine Frau und ein kleines Kind dabei. Am Ende wurde keiner verletzt. Die Familie hat später das Auto mit einem Schlepper abgeholt.

Einige von uns Tenharim waren aber doch in der Stadt. Einige verbringen viel Zeit im Jahr dort, sie leben quasi dort. Dann sind sie wieder zurückgekommen, und vielleicht waren sie es, die die Krankheit mitgebracht haben. Wie soll man das wissen? Die Leute von Sesai waren schon vor einigen Wochen hier und haben erklärt, wie gefährlich Covid-19 ist. Es gab eine Versammlung im Rundhaus meines Dorfes, zu der unsere Häuptlinge kamen. Dort war nicht nur die Sesai, auch die Behörde für den Schutz von Indigenen Funai schickte einen Vertreter, und die Bundespolizei, die Verkehrspolizei und das Militär. Sie haben uns erklärt, dass man Masken benutzen soll, aber das wussten wir schon aus dem Fernsehen. Einige von uns haben sich Stoffmasken aus der Stadt besorgt. Mein Neffe hat eine, auf der steht “Juventus Turin”.

In diesem Jahr war das Fest nur klein. Alle haben Mundschutz getragen, außer beim Essen und beim Rundtanz mit den Flöten.

Die Sesai-Leute haben Alkohol-Gel zum Desinfizieren der Hände hiergelassen. In jedem Haus gibt es jetzt eine Flasche davon. Sie haben erklärt, woran man die Krankheit erkennt. Unsere Häuptlinge haben lange darüber diskutiert, ob wir überhaupt unser jährliches Jagdfest abhalten sollen, die Mbotava. Sie findet jedes Jahr im Juli statt, und die Tenharim sind die Gastgeber, für alle Völker der Region. Am Ende haben wir doch eine Mbotava gemacht. Meine Familie hat zwei Tapire, ein Wildschwein und viele Fische beigetragen, mein Großvater hat große Mengen weißes Maniokmehl gemacht. Aber in diesem Jahr war das Fest nur klein. Jedes Dorf hat nur ein paar Teilnehmer geschickt. Leute, die vorher in der Stadt waren, durften gar nicht teilnehmen. Alle haben Mundschutz getragen, außer beim Essen und beim Rundtanz mit den Flöten. Es war ein sehr kurzes Fest, drei Tage lang, und die ganze Zeit über saß eine Krankenschwester da, die der Gesundheitsdienst Sesai geschickt hatte.

Madarejúwa Tenharim © Thomas Fischermann für “Der letzte Herr des Waldes”

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Ich finde das richtig. Wir müssen uns schützen. Die Gesundheit ist das Wichtigste in diesem Augenblick. Einige Familien haben besonders viel Angst vor der Krankheit, sie leben in Isolation am Rand der Dörfer. Einige waren sogar wochenlang im Wald, sie haben in den alten Dörfern oder in den Camps an den Flüssen gelebt, aber jetzt sind sie zurück. 

Die Alten in unseren Dörfern haben eine Medizin gegen Covid-19 zubereitet. Es ist aber keine Medizin, die die Krankheit wirklich heilt. Wir gewinnen ein Öl aus dem Holz des Copaiba-Baums. Und wir machen Andiroba-Öl, das man aus Kapseln presst. Das hilft gegen das Fieber. Meine Mutter, mein Großvater und viele andere bei uns machen auch Kina Kina, das ist ein langer Prozess, bei dem sie Pflanzenblätter zubereiten, sie müssen lange in einer Dose in der Sonne stehen. Das Mittel stärkt den Körper gegen Krankheiten, es wirkt bei Halsschmerzen und Erkältungen. Ich nehme es jeden Morgen. Es schmeckt sehr bitter, aber wir glauben, dass es wirkt.

Es ist traurig, wenn die Alten sterben. Der Vater unseres Häuptlings Tupajakuí kannte viele Lieder, die er auf der Flöte spielte.

Mein Großvater Felipe kennt die meisten Kräuter, die es im Land der Tenharim gibt. Er ist schon sehr alt, aber er läuft noch alleine durch den Wald. Er weiß, wo Kräuter zu finden sind, die andere nicht mehr so gut kennen, wo man sie findet und zu welcher Zeit im Jahr. Unsere Lehrer nennen ihn “unser GPS”. Aber er mag den Namen nicht, er hat ja nicht mal ein Mobiltelefon. Mein anderer Großvater, Kikí, weiß auch alles über die Kräuter im Wald.

Es ist traurig, wenn die Alten sterben. Der Vater unseres Häuptlings Tupajakuí ist vor einigen Monaten verstorben, aber das war schon, bevor Covid-19 kam. Er kannte Lieder, die er auf der Flöte spielte. Bei den Festen erzählte er alte Geschichten, die jetzt verloren sind. Die anderen Alten kennen auch viele Lieder, aber nicht genau die gleichen. Die meisten jüngeren Leute interessieren sich nicht mehr so dafür.



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