Schweden ist Risikogebiet, die Zahl der Corona-Fälle hoch, aus dem Ausland kommt Kritik. Die meisten Schweden bleiben aber entspannt und ziehen ins Sommerhaus.

Die Schweden genießen den Sommer, hier mit Blick auf die Öresundbrücke. © Johan Nilsson/​imago images

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Wer in diesen Tagen durch die Stockholmer Altstadt spaziert, muss sich um die Einhaltung des Sicherheitsabstandes keine Sorgen machen. Normalerweise ziehen Tausende von Touristinnen und Touristen durch die Västerlånggatan, die Hauptgasse Gamla Stan, die vor allem viele Reisegruppen aus China anzieht. Aber in diesem Sommer ist alles anders. Die Hotels sind leer, die Anleger für die Kreuzfahrtschiffe verwaist. Stockholm erlebt derzeit den ruhigsten Sommer seit Jahrzehnten.

Die Schweden selbst entdecken in der Corona-Krise Hemester, das schwedische Wort für Ferien zu Hause. Denn die Reisemöglichkeiten sind begrenzt. Finnland, Norwegen, Dänemark? Grenze zu. Nach Deutschland? 14 Tage Quarantäne. Und in dieser Woche hat nun auch Griechenland, eines der Lieblingsreiseziele der Schweden, mitgeteilt: Bitte bleibt draußen! 

Wer kann, verlässt die Stadt

Der Grund sind die nach wie vor hohen Covid-19-Fallzahlen im Land. Wer sich die bunten Grafiken der Europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC ansieht, die ihren Sitz ausgerechnet in Stockholm hat, der erkennt schnell, welches Land auf einem Sonderweg ist: Schweden. Während die durchschnittlichen Neuinfektionen der vergangenen 14 Tage in fast allen europäischen Ländern langsam zurückgehen, steigt die dünne braune Kurve der Schweden seit Anfang Juni wieder stark an. Weit mehr als 100 neue Fälle kommen im Schnitt pro 100.000 Einwohner dazu. Damit gilt das Land nach Definition des deutschen Robert Koch-Instituts als Krisenregion. Auf der Liste des RKI steht Schweden als einziges EU-Land unter vielen anderen betroffenen Ländern wie Kolumbien, Serbien oder Libyen.

Fast 5.500 Menschen sind in Schweden an Covid-19 gestorben. Mehr als in China, zumindest wenn man der offiziellen chinesischen Statistik glaubt. Doch wer nun glaubt, im Land der roten Holzhäuser wachse die Unruhe, die Schweden demonstrierten gegen die Strategie der Regierung oder die zuständige Gesundheitsministerin Lena Hallengren müsse um ihren Job fürchten, der irrt. Wer kann, verlässt die Stadt und zieht in sein Sommerhaus. Auch der zuständige Staatsepidemiologe Anders Tegnell hat sich in die Ferien verabschiedet.

Gunilla und Bertil Beijar aus Göteborg leben schon seit Ende März in ihrer Stuga, wie die Schweden ihr Domizil auf dem Land gerne nennen. Sie können es sich leisten. Denn die beiden sind Rentner. Mit den Kindern und Enkeln treffen sie sich nur im Freien. Und wenn sie mit den Nachbarn abends hinaus auf den See fahren, dann nimmt jeder sein eigenes Boot. Beim Picknick setzen sie sich mit zwei Meter Sicherheitsabstand auf die Insel.

Das schwedische Gütersloh

Dass so viele Menschen in den Altenheimen sterben mussten, sei ein großes Unglück, sagen die beiden. Aber dass nun der US-Präsident auf das kleine Schweden deutet und sagt: “Seht euch an, wie die Menschen da leiden”, findet Gunilla nicht fair. “Trotzdem bekommt man irgendwie so ein Bauchgefühl, dass wir vielleicht doch nicht alles richtig gemacht haben,” sagt die 68-Jährige. Aber fügt sofort hinzu: “Ich stehe trotzdem hinter Anders Tegnell.”   

Natürlich hat auch Gunilla von Gällivare gehört. Der Ort in der Provinz Norrbotten ist das schwedische Gütersloh. Hier war es nicht ein Schlachthof, sondern das Bergwerk der Stadt, von dem aus sich das Virus in der Gemeinde 70 Kilometer nördlich des Polarkreises ausbreitete. In der Grube Malmberget mussten Reparaturarbeiten durchgeführt werden. 800 Arbeiter wurden dafür angeheuert. Die meisten kamen aus der Region, aber einige auch aus anderen Landesteilen und dem Ausland. Ende Juni wurden in Gällivare von 2.000 Einwohnerinnen und Einwohnern mehr als 300 positiv auf Covid-19 getestet. Das örtliche Krankenhaus war ausgelastet. Patientinnen und Patienten mussten in der dünnbesiedelten Region in andere Kliniken verlegt werden. Schwimmbad, Bibliothek, Sporthallen wurden geschlossen und zeitweise wurde auch der öffentliche Nahverkehr eingestellt.

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Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt. Aber der Ort steht noch immer unter Schock und die Menschen hier wissen gut, was eine Pandemie auslösen kann. In der Gegend grassierte vor ziemlich genau 100 Jahren auch die Spanische Grippe. Im Nachbarort Arjeplog, wo heute die großen Automobilkonzerne im Winter ihre Testfahrer über die zugefrorenen Seen schicken, steckten sich damals drei Viertel aller Bewohner an. Drei Prozent der Bevölkerung starben.  

Viele Schweden verbringen den Sommer in diesem Jahr im eigene Land, so wie hier in Gustavsfors (Dalsland) © Christian Stichler

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So schlimm ist die Corona-Pandemie heute zwar noch nicht. Aber die schwedische Politik ist zumindest international in der Defensive. Beispielhaft dafür ist ein Interview, das die schwedische Außenministerin Ann Linde kürzlich der Deutschen Welle gab. Im Gespräch mit dem Sender versuchte sie das Bild einer erfolgreichen schwedischen Corona-Strategie zu zeichnen, aber Moderatorin Sarah Kelly wollte ihr das nicht durchgehen lassen und fragte ein ums andere Mal nach, wie man angesichts von 5.000 Toten von einem Erfolg sprechen könne. Letztlich fiel der Außenministerin nicht mehr ein, als mit dem Vorwurf zu kontern: “Ich glaube, Sie wollen uns aus der EU werfen!” Das Interview war tagelang Gesprächsstoff im Land.

Auch in der schwedischen Politik ist die krisenbedingte Einigkeit aufgekündigt. Die nationalistischen Schwedendemokraten werfen der Regierung vor, sie hätte sich hinter den Experten versteckt. Staatsepidemiologe Anders Tegnell solle sofort zurücktreten, forderte Jimmie Åkesson, der Vorsitzende der Partei, der bei den nächsten Wahlen 2022 viel zugetraut wird. Die bürgerliche Opposition scheut inzwischen auch nicht mehr vor offener Kritik zurück. Die Umfragewerte von Regierungschef Stefan Löfven und seinen Sozialdemokraten, die während der Krise auf Rekordwerte gestiegen waren, sinken mittlerweile wieder.

Das mag auch an den wirtschaftlichen Folgen der Krise liegen, die inzwischen zu spüren sind. Obwohl das Land auf einen Lockdown verzichtet hat, sind viele große und kleine Unternehmen schwer angeschlagen. Schweden lebt von seinen Exporten. 70 Prozent seiner Ausfuhren gehen in die Europäische Union. Der schwedische Lkw-Hersteller Volvo musste im März und April seine Bänder stilllegen, da er eng mit dem französischen Partner Renault verbunden ist. Die Lieferketten aus Frankreich waren unterbrochen. Mittlerweile läuft die Produktion wieder. Aber Volvo hat trotzdem schon einmal angekündigt, 4.100 Jobs weltweit zu streichen. Davon rund 1.250 im Stammland.

Diese Woche hat die Regierung dem politischen Druck nachgegeben und eine Untersuchungskommission eingesetzt. Stefan Löfven hatte sich lange dagegen gewehrt. Der Regierungschef befürchtete, dass der frühe Zeitpunkt ihrer Einberufung als falsches Zeichen verstanden werde, dass die Krise schon vorbei sei. Das sei aber noch lange nicht der Fall, warnte Löfven. Die Kommission soll nun der Frage nachgehen, welche Fehler Politik und Behörden in der Krise gemacht haben und welche Schlüsse daraus für die Zukunft gezogen werden sollen. Der Abschlussbericht soll erst im Frühjahr 2022 vorliegen, immerhin noch rechtzeitig vor den nächsten Parlamentswahlen.

Endlich mehr Tests

In der Zwischenzeit will Schweden die Testkapazitäten hochfahren, um die Ausbreitung des Coronavirus zu kontrollieren. 60.000 Tests sind es bereits pro Woche. Damit erklärt die Regierung übrigens auch die steigenden Fallzahlen. Zudem hat die nationale Gesundheitsbehörde von der Regierung einen neuen Auftrag bekommen. Nun sollen doch die Infektionsketten nachverfolgt werden. Etwas, was man in Schweden bisher nicht für notwendig beziehungsweise für nicht möglich gehalten hat. Im Hightech-Land, wo jeder mit dem Handy bezahlen kann, gibt es keine Corona-App. Die Behörde von Anders Tegnell hielt das bisher für nicht notwendig – genauso wenig wie das Tragen von Schutzmasken in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wie die Nachverfolgung der Infektionsketten in Schweden gelingen soll, ist unklar. Reporter des schwedischen Rundfunks haben in den Regionen nachgefragt. Die Antworten waren verblüffend. In der Region Uppsala ist es Aufgabe der Patienten, ihre Familienmitglieder, Freunde und Arbeitskollegen, mit denen sie in Kontakt gewesen sind, zu informieren. “Es sind so viele Fälle. Das schafft das Krankenhauspersonal nicht,” sagt Johan Nöjd, Infektionsmediziner der Region Uppsala. Allein in Stockholm werden derzeit rund 2.000 Menschen pro Woche positiv getestet. Auch dort müssen die Patienten die Benachrichtigung selbst übernehmen. Ein Umstand, der deutlich den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO widerspricht.

Und dennoch sorgen Anfang Juli andere Schlagzeilen für Aufsehen. Zum Beispiel, dass die Zahl der Badeunfälle auf ein Rekordniveau gestiegen ist. Das liegt auch daran, dass wegen des warmen Wetters und der eingeschränkten Reisemöglichkeiten viele Schweden die ersten Ferienwochen im eigenen Land verbracht haben. 23 Menschen sind im Juni 2020 ertrunken. So viele wie noch nie seit mehr als 20 Jahren. Die tägliche Zahl der Corona-Toten ist dagegen nur noch eine Kurzmeldung wert. Es waren mehr als 700 –  allein im Juni. Aber Schweden hat sich an Corona gewöhnt.

Das Erste sendet eine “Weltspiegel”-Reportage über den Corona-Sommer in Schweden am 18. Juli 2020 um 16.30 Uhr. Der Film “Corona und der Traum von Bullerbü” ist ab Mitte Juli auch vorab in der ARD-Mediathek abrufbar.



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