Das Leben von Süchtigen war schon schwierig – dann kam die Pandemie. Wie das Coronavirus den Alltag von Drogenabhängigen und der Polizei in Hannover verändert.

Der Platz zwischen Hauptbahnhof und Stellwerk. Hier trifft sich Hannovers Drogenszene zum kontrollierten Konsum. © Moritz Küstner

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Neben dem Hintereingang des Hauptbahnhofs Hannover sieht es während der Corona-Pandemie nicht so viel anders aus als sonst. Etwa 40 Menschen sind heute hier, stehen in Gruppen auf dem grau gepflasterten Platz an der Fernroder Straße, manche lehnen an den vergitterten Türen des Modelleisenbahnclubs Hannover, stehen vor der Fahrradwaschanlage oder sitzen mitten auf dem trostlosen Platz, sprechen, lachen. Manche drücken sich Spritzen mit aufgelöstem Kokain in den Körper, andere rauchen Crack, eine Droge, die Dealer den Vorbeigehenden tuschelnd anbieten. Soweit scheint alles wie immer zu sein. Dennoch ist die Lage der Süchtigen in Hannover seit Beginn der Pandemie noch schwieriger als sonst. Auch wenn der Umgang der Stadt mit ihren Drogensüchtigen modellhaft ist.

1971 startete Hannover das erste Programm Deutschlands, das Süchtige durch die Ausgabe des Ersatzstoffes Methadon vom Heroin wegbringen sollte. Und seit 1990 setzt die Stadt auf Beratung und Hilfe statt auf Verfolgung von Süchtigen. Anders als in vielen anderen Städten gibt es hier beispielsweise Drogenkonsumräume. Das ist längst nicht in allen Bundesländern so.

Zahlreiche Einrichtungen betreuen zwischen 4.000 und 6.000 Drogenabhängige in der Region Hannover. Der hannoversche Weg bedeutet: Niemand wird in eine Entgiftung oder Substitution gedrängt – wer aber aus der Sucht ausbrechen will, findet Hilfe. Wie erfolgreich diese Herangehensweise offenbar ist, zeigen die Zahlen: Im Jahr 1992 waren in Hannover noch mindestens 65 Menschen an den unmittelbaren Folgen des Drogenkonsums gestorben, im Jahr 2018 gab es offiziell acht Drogentote in der Stadt.

Seit Beginn der Corona-Pandemie kümmert sich der städtische Drogenbeauftrage Frank Woike nun darum, dass auch die Folgen der Krise zumindest ansatzweise abgemildert werden. Im April hat die Stadt einmalig 150.000 Euro bis Jahresende bereitgestellt. Damit wird etwa eine ambulante Pflegestelle in der Innenstadt finanziert, die eine erste Wundversorgung übernimmt oder Bedürftige an Einrichtungen wie das Zahnmobil vermittelt. Überdies hat Woike daran mitgearbeitet, dass innerhalb von wenigen Tagen ein städtischer Caterer einsprang und zuletzt bis zu 500 Essen pro Tag an Bedürftige ausgab, denen Unterstützung fehlte, weil etwa die Tafeln geschlossen hatten.

Serdar Saris leitet als Geschäftsführer den Suchthilfeträger Step, der etwa die Drogenhilfestation Stellwerk gleich hinter dem Hauptbahnhof betreibt. Seine Definition der hiesigen Drogenpolitik ähnelt der des Drogenbeauftragten: Sie sei “lebensweltorientiert”. Die Leute werden so genommen, wie sie sind – das heißt, im Stellwerk gibt es Spritzen und Desinfektionsmittel, Kaffee und ein offenes Ohr. Menschen aus der Szene können sich nicht nur waschen, duschen und reden, sondern auch ihre eigenen Drogen in sicherer und sauberer Umgebung konsumieren.

Alle bleiben zu Hause – außer die, die keins haben

Dass die Situation der Drogenabhängigen durch die Pandemie nun jedoch noch erheblich schwieriger geworden ist als sonst, hat mit einer ganzen Reihe von Aspekten zu tun. Während die meisten Menschen sich während des Lockdowns in ihre Wohnungen zurückgezogen haben, mussten viele der Drogensüchtigen weiter auf der Straße schlafen. Gleichzeitig wurden mehrere etablierte Hilfseinrichtungen geschlossen oder schränkten den Betrieb ein, zum Schutz der Belegschaft, aber auch der Gäste, die zum Teil schwere Vorerkrankungen haben. So machte etwa die Drogenhilfestation Stellwerk für mehrere Wochen zu. Statt Nähe und Beratung gaben die Helfenden nun alle zwei Stunden auf einer Schneeschaufel Spritzen, Tee und Sandwiches heraus.

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links: Außenansicht Stellwerk Hannover, rechts: Ausgabe von sauberen Spritzen und Desinfektionsmitteln mit Covid-Sicherheitsmaßnahmen © Moritz Küstner

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Ein weiteres Problem für die Drogenabhängigen war nun, an Geld zu kommen. In den ersten Wochen der Pandemie war die Innenstadt Hannovers oft fast menschenleer, was das Betteln und Flaschensammeln fast unmöglich machte. Zudem entfiel, da sich keine Gruppen bildeten, die Gelegenheit für Taschendiebstähle und in geschlossenen Geschäften ließ sich nichts klauen. Auch Prostitution – ein klassischer Weg für Drogenabhängige, um Geld zu verdienen – ist seit Ausbruch der Pandemie offiziell verboten und die Nachfrage ging zurück. Selbst Fahrräder, die sich zu Geld machen lassen, werden bis heute weniger gestohlen als früher. Insgesamt registrierte die Polizei ein “deutlich reduziertes Straftatenaufkommen”. Das hat Folgen. “Wir beobachten eine gewisse Angespanntheit in der offenen Drogenszene, womöglich ausgelöst durch schlechtere Einnahmemöglichkeiten”, sagt Dirk Hallmann, Leiter der Polizeiinspektion Mitte. Es gibt dazu keine Statistik, aber seine Kolleginnen und Kollegen, die hier jeden Tag auf Streife sind, bemerkten, dass es zwischen den Süchtigen schneller als sonst zu Streit kam.

Was indessen auch während der Pandemie funktionierte, war, trotz geschlossener Grenzen, der Nachschub von Drogen. Das berichteten auch die Vereinten Nationen in einem gerade erschienen Bericht. Vor allem von Kokain, das in Hannovers Szene eine wichtige Rolle spielt. Weil die Polizei in den ersten Corona-Wochen schon aus Selbstschutz weniger aktiv war, hatten die Dealer leichteres Spiel: “Sie haben diese Lücke ausgenutzt, waren noch deutlich präsenter als vor der Krise”, sagt Hallmann.

Obwohl die Polizei sich teilweise zurückzog, ihre Einsätze gegen die Dealer einschränkte, waren am Anfang der Pandemie auf dem Platz vor dem Stellwerk noch oft die Ansagen aus den Streifenwagen zu hören: Abstand, bitte! Die Stadt hat sogar mit roter und grüner Farbe Abstandsmarkierungen auf den Boden malen lassen und die Polizei kontrollierte gezielt die Abstandsregeln und sprach Platzverweise aus.

Inzwischen werden die Abstandsregeln bei Suchtkranken nicht mehr kontrolliert. So ein Platz sei ja das Wohnzimmer der Drogenabhängigen, sagt der polizeiliche Einsatzchef Dirk Hallmann. “Die anderen Süchtigen sind ihre Familie – so muss man das sehen.”

Mitte Juni weiß Hallmann von Covid-19-Infektionen bei einigen Kollegen und Dealern – die Drogenkranken scheinen noch nicht betroffen. Für Hallmann ist das eine Überraschung. Denn eine Drogenübergabe ist nicht gerade frei von Ansteckungsrisiken – schließlich halten sich Süchtige oft in Gruppen auf, achten womöglich nicht immer auf Abstände und das gut verpackte Kokain wird von den Dealern in kleinen Kugeln im Mund transportiert, bevor sie es verkaufen – damit sie es bei einer Kontrolle schnell herunterschlucken können.

links: Dirk Hallmann, Einsatzleiter der Polizeiinspektion Mitte, rechts: Eine Kokainkugel © Moritz Küstner

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Große Angst vor der Krankheit haben inzwischen nur noch wenige Menschen aus der Drogenszene, Geldsorgen haben jedoch die meisten. “Aber wir sind einiges gewöhnt”, sagt eine Frau hinter dem Hauptbahnhof, die sich gerade eine Crack-Pfeife anzündet, Drogensüchtige seien extrem anpassungsfähig. Indessen diskutieren hier viele darüber, wie es mit der Pandemie weitergeht. Über Jens Spahn, über staatliche Soforthilfen, über die Chance auf einen Impfstoff und über die Parallelen zum HI-Virus, mit dem hier manche seit vielen Jahren leben. Auch über das Geld, das knapper wird oder die Angst, mit den anderen Krankheiten keinen Platz mehr im Krankenhaus zu finden, wenn die zweite Welle zu groß sein sollte für das Gesundheitssystem. Ihre Namen wollen die Menschen auf dem Platz nicht in einem Artikel lesen.

Das Stellwerk hat mittlerweile wieder eingeschränkt geöffnet. Gäste werden nur einzeln eingelassen, der im Normalbetrieb oft belebte Café-Bereich ist mit reichlich Plastikfolie abgeteilt. Manche der metallenen kleinen Tische in dem Raum, wo die Gäste ihre Drogen konsumieren können, sind mit rot-weißem Flatterband abgesperrt – Abstandsregeln gelten auch etwa beim Kokainspritzen. Ein bisschen Normalität kehrt zurück. Und die kleine Schneeschaufel, mit der sie hier zwischenzeitlich die Süchtigen versorgten, die steht wieder in der Abstellkammer.



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