Volle Parks, Demonstrationen ohne Mundschutz: Es wirkt, als hätten die Deutschen genug von strengen Corona-Regeln. Forscher befürchten eine gesellschaftliche Spaltung.

So voll wie hier in München war es am vergangenen Wochenende in vielen deutschen Innenstädten. Haben die Deutschen keine Lust mehr, zu Hause zu bleiben? © Sven Hoppe/​dpa

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Seit Wochen halten sich die meisten Deutschen an das, was Virologinnen und Epidemiologen ihnen nahelegen und was die Politik – unter Strafandrohungen – diktiert: auf Kontakte weitestgehend verzichten, Abstand halten, nicht reisen, Mund und Nase bedecken. Vieles deutet darauf hin, dass diese kollektive Kraftanstrengung viele deutsche Städte davor bewahrt hat, zu einem weiteren Wuhan zu werden, zu einem weiteren New York oder Madrid.

Nur: Wie lange kann eine Gesellschaft das durchhalten? Wer sich Umfragen und Handydaten ansieht oder die vielen Gruppen, etwa in Berlin, die sich an den Wochenenden in Parks zusammenfinden, und die vielen nicht Maske tragenden Supermarktkunden, der wird das Gefühl nicht los: Etwas verändert sich gerade. Mindestens bröckelt die Entschlossenheit der Deutschen, vielleicht beobachten wir sogar einen Stimmungsknick. Ist jetzt Schluss mit der Vorsicht?

Wer nach Antworten auf diese Frage sucht, kommt an Cornelia Betsch nicht vorbei. Die Psychologie-Professorin an der Uni Erfurt sammelt seit Anfang März Daten darüber, wie die Deutschen mit der Corona-Krise umgehen und wie sie die Maßnahmen der Regierung finden. Cosmo heißt die Umfrage, bei der wöchentlich rund 1.000 Menschen befragt werden. Was Betsch und ihre Kolleginnen in den letzten Wochen beobachten, erklärt Betsch am Telefon, ist weniger ein Stimmungsknick als eine kontinuierliche Veränderung der Einstellungen und des Verhaltens.

Vor allem zweierlei sticht dabei hervor: Nachdem sie im März zunächst steil gestiegen war, sinkt bereits seit Anfang April die Akzeptanz für einschränkende Maßnahmen, wie Ausgangsbeschränkungen und Schulschließungen, kontinuierlich langsam ab. Mehr Menschen haben das Bedürfnis zu demonstrieren. Mehr Menschen halten die Maßnahmen, die noch gelten, für übertrieben. Auf der anderen Seite hat sich auch das Verhalten in den vergangenen Wochen geändert: Menschen waschen sich seltener die Hände, gehen häufiger an öffentliche Orte und halten seltener Abstand. Der allergrößte Teil der Menschen ist weiter diszipliniert, aber dieser Teil ist eben ein wenig kleiner geworden.

Das zeigt sich auch in den Bewegungsdaten, die Fachleute des Robert Koch-Instituts seit Wochen auswerten. Bereitgestellt werden die Daten anonymisiert von Mobilfunkanbietern, die registrieren, wenn eine Person – genauer gesagt, deren Mobiltelefon – sich von einem Mobilfunkmast wegbewegt und in den nächsten einwählt.

In der zweiten Märzhälfte – also kurz nachdem Bund und Länder erstmals Kontaktverbote beschlossen hatten – erreichte das Bewegungsniveau einen Tiefpunkt. Die Mobiltelefone der Deutschen bewegten sich um knapp 40 Prozent weniger als sonst (siehe Infografik). Seitdem aber sind die Menschen langsam wieder mehr unterwegs. Schon vor Ostern nahm die Mobilität wieder zu, auch wenn sie noch nicht wieder die Werte von Anfang März erreicht hat. Besonders auffällig: Vergleicht man die Kurven zur Ablehnung der Maßnahmen aus der Cosmo-Umfrage und die Mobilität miteinander, korrelieren die beiden. Man könnte das so interpretieren: Je mehr Menschen die Maßnahmen zu strikt fanden, desto stärker nahm die Mobilität zu (Covid-19 Mobility Project: Second Report).

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Einige Gründe für all das liefert die Cosmo-Studie gleich mit. Nur noch 21 Prozent der Befragten gaben etwa in dieser Woche an, dass sie es für eher oder sehr wahrscheinlich halten, sich mit Covid-19 anzustecken. Mitte März waren es noch mehr als 30 Prozent gewesen. Während den meisten Menschen rein kognitiv klar ist, dass von Sars-CoV-2 eine große Gefahr ausgeht, sinkt die sogenannte affektive Risikowahrnehmung, also die emotional erlebte Sorge um die eigene Gesundheit. Das sei auch nicht verwunderlich, sagt Cornelia Betsch: “Diese Form der Risikowahrnehmung ist wie ein Muskel. Das heißt, sie ist nach lauter Anspannung irgendwann erschöpft.”

Dass Menschen sich weniger vor Covid-19 ängstigen, könne eine Erklärung für den Stimmungsumschwung sein, sagt Mirjam Jenny, wissenschaftliche Leiterin des Harding-Zentrums für Risikokompetenz. Denn die Angst vor den Folgen der Erkrankung war zunächst einer der Hauptgründe dafür, dass es im März innerhalb von Tagen gelingen konnte, beinahe die ganze Welt herunterzufahren – dass Millionen von Menschen sich entgegen ihrer Bedürfnisse nach Bewegungsfreiheit und Nähe zu anderen in die häusliche Quarantäne zurückzogen.

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Nun jedoch ist Corona zum Alltag geworden. Gewöhnung hat Furcht abgelöst. Das Gesundheitssystem ist auf dem Weg zurück in den üblichen Betriebsmodus. Der Kollaps ist in Deutschland ausgeblieben. “Jetzt erfordert es vielmehr als noch vor ein paar Wochen ein bewusstes Abwägen, um zu Hause zu bleiben”, sagt Jenny. Entscheidend wäre es, die Öffentlichkeit weiterhin kontinuierlich über die Lage, über die Gründe hinter den Maßnahmen zu informieren. “Dann kann jeder verstehen, was er oder sie tun sollte und warum.”

Eine “Grippemüdigkeit” setzt ein

Dass es Monate lang, in denen es in den Medien, am Küchentisch zu Hause, an der Supermarktkasse oder im Gespräch mit Freunden und Familie, immer nur um Corona ging, hat viele offenbar auch ermüdet. Es führt zu etwas, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Themenverdrossenheit nennen (M&K: Kuhlmann et al., 2014). Das ist eine Art Abwehrreaktion: Themenermüdete verbinden alles zu dem Thema mit einem negativen Gefühl – seien es derzeit Berichte über das Infektionsgeschehen oder Politikerinnen und Virologen, die immer wieder dazu in der Öffentlichkeit stehen. Warnungen vor dem Virus können so schnell als übertrieben wahrgenommen werden, mancher Politiker steht dann schlechter da als vorher.

Auch bei Ausbrüchen von Infektionskrankheiten wurden diese Ermüdung und Verdrossenheit schon beobachtet. In seinem Buch The Psychology of Pandemics schreibt der Psychologe Steven Taylor: “Menschen mögen anfangs oft gewissenhaft den Gesundheitsempfehlungen folgen, aber über die Zeit können sie nachlässig werden. Das bezeichnet man als flu fatigue”, auf Deutsch, Grippemüdigkeit.

Allerdings: Der Großteil der Deutschen hat die strengen Corona-Gesetze nicht nur begrüßt. Viele haben das Leben in Quarantäne sogar positiv für sich nutzen können, wie eine Umfrage der Konstanzer Psychologin Britta Renner und das ZEIT ONLINE Stimmungsbarometer zeigen. Und fast zwei Drittel der Deutschen zeigten sich zuletzt in der Sonntagsfrage mit der Bundesregierung zufrieden – ein Wert, der sonst deutlich niedriger liegt. Aber in einem Moment, in dem die Kurve der Neuerkrankungen hierzulande abflacht, ist es nicht irrational, wenn Menschen ihre zwischenzeitlich wegen des Gesundheitsschutzes eingeschränkten Grundrechte wieder einfordern.

Die Pandemie polarisiert die Gesellschaft

Entscheidender dürfte etwas anderes sein: die Polarisierung der Gesellschaft, die in den ersten Wochen der Pandemie nur verdeckt, aber eben nicht verschwunden war. Das zumindest glaubt der Kommunikationswissenschaftler Jens Wolling. Mitte April hat Wolling mit einem Team der Technischen Universität Ilmenau und der Universität Bern eine repräsentative Untersuchung an rund 1.500 Personen durchgeführt und ihre Meinung zur Corona-Krise erfragt, wo sie politisch stehen und über welche Medien sie sich informieren. Die Ergebnisse wurden noch nicht veröffentlicht, liegen aber ZEIT ONLINE vor.

Auch wenn sich in dieser Umfrage ebenfalls die Mehrheit für die Eindämmungsmaßnahmen der Politik aussprach, täten sich laut Wolling Lager auf. Darüber, welchem Lager man angehört – dem größeren Zustimmungs- oder dem kleineren Ablehnungslager – entscheiden Dinge wie die wirtschaftliche Lage oder die politische Einstellung. Wer eher rechte Thesen vertritt, zeigt Wollings Umfrage, unterstützt auch häufiger die aktuelle Corona-Kritik. Das sei aber nur eine Tendenz – Ausnahmen gebe es viele. “Außerdem gibt es eine wirtschaftliche Komponente”, sagt Wolling. Wer nach eigenen Angaben schon vor der Corona-Krise wirtschaftliche Probleme hatte, der sprach sich auch eher dafür aus, die Maßnahmen schnellstmöglich wieder aufzuheben.

Bei der Polarisierung spielen auch die Medien eine Rolle, sagt Bernd Blöbaum, Professor für Kommunikationswissenschaft in Münster. Er habe beobachtet, dass die Berichterstattung zu Anfang der Pandemie noch sehr stark medizinisch geprägt gewesen sei. Erst in den vergangenen Wochen seien wirtschaftliche und dann auch Grundrechtsfragen immer stärker in den Fokus gerückt. Und aus einer sehr einhelligen Berichterstattung sei eine andere geworden, die nach Dissonanzen und Konflikten suche. “Da wurden dann die Lockerungen schon einmal als Wettbewerb zwischen den Bundesländern inszeniert”, sagt Blöbaum. 

Auch Tanjev Schultz, Journalismus-Professor der Uni Mainz, sieht eine Veränderung der medialen Berichterstattung. Aus einem Gleichklang der Medien sei zunehmend wieder eine Vielstimmigkeit geworden, etwas, das eigentlich positiv sei. Außerdem würden die Bilder der Katastrophe – etwa LKW im italienischen Bergamo, die Särge transportieren – zunehmend von Bildern abgelöst, die auf andere Probleme aufmerksam machten: leere Krankenhäuser, leere Geschäfte und wirtschaftliche Härten.

In der Polarisierung der Meinungen spielen allem Anschein nach aber auch die nicht-etablierten Medien eine große Rolle. Bis zu 30 Prozent der Menschen, die Jens Wolling befragte, informierten sich mindestens einmal die Woche bei alternativen Medien, die die Corona-Politik kritisch sehen, etwa auf privaten Blogs, in Chatgruppen oder bei Podcasts von Bürgerinnen und Bürgern oder Fachleuten. “Das heißt, beinahe ein Drittel der Leute nutzt Internetquellen, die sie in einer sehr kritische Haltung noch weiter bestärken können”, sagt Wolling.

Merz: Nach der Krise alle staatlichen Leistungen überprüfen

Auch soziale Medien und digitale Plattformen könnten diese Polarisierung anheizen. Vor allem dann, wenn sie falsche Informationen und Unwahrheiten verbreiten. Das Rechercheportal Correctiv hat die Verbreitung von Falschnachrichten rund um das Coronavirus untersucht, indem es 1.800 von Leserinnen eingereichte Links auswertete, die diese als potentiell irreführend einstuften.

Dabei kam heraus: Fast jeder Zweite verwies auf das Videoportal YouTube, weitere häufige Quellen waren Websites und Facebook. Geteilt wurden die Links vor allem über den Messenger WhatsApp, Facebook oder YouTube. Das Ergebnis ist nicht repräsentativ, gibt aber einen Einblick, wo und wie sich Unwahrheiten aktuell verbreiten. In einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen gaben zudem vier von fünf Befragten an, dass ihnen schon mal Desinformationen zum neuen Coronavirus aufgefallen seien. Auch Verschwörungstheorien werden im Netz Tausenden Menschen angezeigt – etwa die kruden Thesen des Kochbuchautors Attila Hildmann oder des Tanzlehrers Detlef D! Soost.

Dass Verschwörungstheorien in Krisensituationen Konjunktur haben, sei grundsätzlich nichts Neues, sagt die Psychologin Pia Lamberty, die zu zum Thema promoviert und gemeinsam mit der Netzaktivistin Katharina Nocun das in wenigen Tagen erscheinende Buch Fake Facts geschrieben hat. Denn in einer solch unsicheren Lage sei es für manche Menschen schwierig, mit allen vorhandenen Informationen umzugehen und sie zu verarbeiten. “Da docken Verschwörungstheorien ideal an”, so die Wissenschaftlerin: Sie böten ein einfaches Feindbild und eine klare Struktur.

Mitunter kann das ernste Folgen haben, wie eine kürzlich als Pre-Print veröffentlichte Studie der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz zeigt, an der Lamberty mitgearbeitet hat (PsyArXiv: Imhoff / Lamberty, 2020). Für die Untersuchung befragten die Wissenschaftler 288 Männer und Frauen in den USA und 298 in Großbritannien, wie sie zu bestimmten Verschwörungstheorien rund um das neue Coronavirus stehen, ob sie sich an die Maßnahmen halten und wie sie die Bedrohung durch das neue Virus einschätzen. Das Ergebnis: Menschen, die das neue Coronavirus als Schwindel einschätzen, hielten sich auch seltener an die empfohlenen Maßnahmen. Ein Zusammenhang, der sich ähnlich in den Cosmo-Daten von Cornelia Betsch findet. 

Gekippt scheint die Stimmung in Deutschland noch nicht zu sein. Aber sie ändert sich jetzt – nachdem der erste Corona-Schock verdaut ist und wo sich zeigt, wie anstrengend ein dauerhaftes Leben mit Corona ist. Niemand hat einen Masterplan. Einen Ausweg aus der Lage hat auch Cornelia Betsch nicht. Sie bedauert, dass es nicht besser gelungen sei, neue soziale Normen zu etablieren. Eine allgemeine Maskenpflicht etwa hätte da helfen können. “Denn sie hätte den Menschen, die immer weniger spüren, dass sie in einer Pandemie stecken, immer wieder sichtbar vergegenwärtigt, dass die Gefahr nicht vorüber ist.”



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