Informationen erreichen sie kaum, Autoritäten verbreiten Fake News: Strenggläubige Juden trifft das Virus besonders hart. Etwa die in der israelischen Stadt Bnei Brak.

Ein Mann läuft durch das vor allem von Ultraorthodoxen bewohnte Bnei Brak bei Tel Aviv. © Menahem Kahana/​Getty Images

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Er habe große Angst, sagt der Rettungssanitäter Yechiel Vaknin am Telefon. Der 36-Jährige dessen WhatsApp-Profilbild einen Mann mit kurzen schwarzen Haaren und Mundschutz zeigt, lebt in jener Stadt in Israel, die am stärksten vom Coronavirus betroffen ist. 40 Prozent der 200.000 Einwohner von Bnei Brak, einer vor allem von Ultraorthodoxen bewohnten Vorstadt Tel Avivs, könnten infiziert sein. Jeder kenne jemanden, der betroffen sei, sagt Vaknin. “Es sind viele, viele, viele Leute krank.”

Israel hat früh versucht, den Ausbruch der Pandemie zu stoppen. Als Skiurlauber in Ischgl noch Partys feierten, ließ die Regierung bereits die ersten Grenzen schließen. Als in Leipzig noch Tausende beim Fußballspiel jubelten, waren hier längst Großveranstaltungen abgesagt. Wie die Zahlen aber belegen, breitet sich das Virus in Israel weiter aus, vor allem in einer Bevölkerungsgruppe. Etwa die Hälfte der insgesamt rund 9.000 Infizierten gehören dem ultraorthodoxen Judentum an – dabei machen diese Charedim nur zwölf Prozent der Bevölkerung aus. Wie konnte es dazu kommen?

Vergangene Woche ging bei Facebook ein Video viral, in dem Hunderte Männer im Dunkel der Nacht durch die Straßen von Bnei Brak ziehen. Da lag das Land längst im vollständigen Lockdown, mehr als eine Million Israelis hatten ihre Jobs verloren, durften sich nur noch im 100-Meter-Radius um ihr Wohnhaus bewegen. Trotzdem nahmen rund 300 Ultraorthodoxe an der Beerdigung eines Rabbis teil. “Wo zur Hölle ist die Polizei?”, kommentierten wütende Landsleute das Video. Sie beschwerten sich über die renitenten Religiösen und die Doppelmoral der israelischen Behörden, die einer Minderheit offenbar mehr Freiheiten als allen anderen gewähren. Der Bürgermeister der Nachbarstadt Ramat Gan verglich Bnei Brak mit einer tickenden Bombe, die jetzt mit aller Wucht explodiert sei.

Yechial Vaknin, der Rettungssanitäter, ist aufgewachsen in der Stadt, auf die nun alle schauen und vor der sich alle fürchten. Während seine Großeltern, Eltern und die meisten seiner neun Geschwister streng religiös leben, weder Fernsehen, Telefon oder Internet nutzen, hat sich der junge Familienvater für einen moderateren Weg entschieden. Er verfolgt die Nachrichtenlage, wusste früh über die Gefahren des Virus und die Maßnahmen der Regierung Bescheid. “Erst hat man die Synagogen zu lange offen gelassen, dann hat es das Gesundheitsministerium versäumt, eine passende Informationskampagne für unsere Gemeinde auszuarbeiten”, sagt Vaknin und erzählt, wie er seine Großeltern anflehen musste, nicht mehr in die Synagoge zu gehen. “Sie haben sich vollständige dem Glauben untergeordnet. Wie sollen sie verstehen, dass sie nun nicht mehr zum Gebet dürfen?”

Israels Charedim, wie sich die Gläubigen selbst bezeichnen, leben in einer Enklave. Der Alltag der meisten Männer ist geprägt von religiösen Ritualen und Pflichten, die jede Community im Detail anders auslegt. Unter den Charedim existieren drei große Gruppen – die Chassiden, deren Vorfahren vorwiegend aus der Ukraine und Osteuropa stammen; die Lithuanianer, die aus dem Baltikum kommen, und es gibt die Sepharden, die wie die Familie von Vaknin ihre Wurzeln im Maghreb haben. So wie sich die Strömungen unterscheiden, so splittern sich die Gemeinschaften in Clans und Familiendynastien auf, in viele moderate und wenige extreme, sektenähnliche Gruppen. Zu so einer Community, den chassidischen Ger, gehört auch Israels Gesundheitsminister Yaakov Litzman. Der 71-jährige Sohn polnischer Holocaust-Überlebender verweigert Frauen den Handschlag und hat laut Medienberichten die Corona-Maßnahmen seines eigenen Ministeriums bis zuletzt ignoriert. Mittlerweile haben sich er und seine Frau selbst mit Covid-19 infiziert.

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Anders als die überwiegend isolierten Bewohner und Bewohnerinnen von Bnei Brak hatte Litzman Zugang zu allen Informationen. Er hat sie, wie einige andere religiöse Führer auch, schlichtweg nicht ernst genommen. Diese Ignoranz ärgert die moderaten Israelis, spiegelt sie doch das grundsätzliche Selbstverständnis der extremen Charedim wider. Den Staat Israel akzeptieren sie, weil sie es müssen, gleichzeitig lehnen sie jede staatliche Autorität ab. Israels Gesetze gelten für sie nur bedingt. Sie besuchen ihre eigenen Schulen, gehen nicht zum Militär, leben oft unterhalb der Armutsgrenze und sind auf Sozialhilfe angewiesen. Während sich die Männer allein dem Studium der Tora widmen, ziehen die Frauen bis zu einem Dutzend Kinder groß und verdienen das Einkommen für die gesamte Familie allein.

Miri Beillin ist 39 Jahre alt, verheiratet, Mutter von fünf Kindern und die wohl bekannteste Geschäftsfrau von Bnei Brak. Die gebürtige New Yorkerin versteht sich wie der Rettungssanitäter Vaknin als moderat und hat die erste Designschule für Charedim gegründet. Als chassidische Trendsetterin wurde Beillin, die roten Lippenstift zur dunklen Langhaarperücke trägt, in lokalen Medien bekannt. In normalen Zeiten versucht Beillin die züchtigen Regeln ihrer Community mit ihrer Liebe für leuchtende Farben und lockere Schnitte zu kombinieren. In Zeiten von Corona hilft sie anderen Ladenbesitzern in Bnei Brak, die Krise zu überstehen, etwa mit einem Onlineshop. Die Chassidin kümmert sich um ihre Nachbarn, und verteidigt sie.

“Die Vorwürfe gegen uns sind einfach nicht fair”, sagt Beillin, die ihren Laden in Bnei Braks Hauptstraße schon vor Wochen geschlossen hat und das Haus kaum noch verlässt. Sie habe geahnt, dass das Virus für ihre Community besonders gefährlich werden könnte. “Wir sind die am dichtesten besiedelte Stadt in Israel, in einer Dreizimmerwohnung leben hier 15 Menschen. Natürlich breitet sich das Virus so schneller aus als in Tel Aviv, wo vielleicht drei, vier Leute zusammenleben.”

Virologen hatten zunächst angenommen, Covid-19 sei für die Ultraorthodoxen keine besonders große Gefahr. Zum einen leben die Menschen ohnehin abgeschottet, nehmen kaum am weltlichen Leben teil. Zum anderen liegt der Altersdurchschnitt aufgrund der extrem hohen Geburtenrate weit unter dem nationalen Durchschnitt. Etwa 30 Prozent der Israelis sind jünger als 19 Jahre, unter den Ultraorthodoxen sind es fast 60 Prozent. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2017, dürften sich seitdem aber eher noch weiter auseinanderentwickelt haben, denn die Geburten bei den Charedim steigen, während sie in der nicht-religiösen Bevölkerung stagnieren. “Erst hat man uns nicht ausreichend vor dem Virus geschützt”, sagt die Modedesignerin Beillin. “Und jetzt zeigt man mit dem Finger auf uns, weil jede Gesellschaft in der Pandemie ihre Schuldigen braucht.”

Jedes Land hatte den einen Moment, der die Infektionskurve zum exponentiellen Anstieg brachte. Italien hatte die Skiferien und Fußballspiele, Deutschland hatte den Karneval. In Israel, sagen die Experten, lassen sich die meisten Ansteckungen auf Purim, das jüdische Faschingsfest Anfang März, zurückführen. Zu diesem Zeitpunkt mussten Rückkehrer aus Europa und Asien nach der Ankunft 14 Tage in Quarantäne, waren Flüge nach Italien bereits gestrichen. Allein, den Reiseverkehr mit den USA hatte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nicht eingeschränkt. Er habe sein enges Verhältnis mit US-Präsident Trump nicht belasten wollen, berichteten mehrere Medien. Während der Purim-Feiertage reisten weiterhin Amerikaner ins Land. Auch aus New York, wo die meisten chassidischen Juden außerhalb Israels leben und wo sich das Virus besonders schnell ausgebreitet hatte. Mittlerweile sind die ultraorthodoxen Viertel im New Yorker Stadtteil Williamsburg mit am stärksten vom Virus betroffen.

“Wir werden später klären müssen, wie das Virus die Communitys erreichen konnte. Jetzt geht es darum, den Ausbruch schnellst möglich einzudämmen”, sagt Gilad Malach, der am Israel Democracy Institute den Forschungsbereich über die ultraorthodoxe Bevölkerung leitet. Täglich informiert die unabhängige Forschungseinrichtung über die Folgen der Corona-Krise, muss Malach erklären, wie es so weit kommen konnte – und was nun zu tun ist. In Bnei Brak und den ultraorthodoxen Siedlungen in Jerusalem sei erst mit zwei Wochen Verzögerung angekommen, wie gefährlich das Coronavirus tatsächlich ist. Nun hielten sich zwar die meisten an die Regeln, hätten auch die religiösen Führer die Situation weitgehend verstanden. Dennoch gäbe es eben eine kleine Minderheit, die weiterhin die Regeln ignoriere. “Auf die müssen wir jetzt genau achten”, sagt Malach.

Erst vergangene Woche, viel zu spät, sagt Malach, wurden Gebete von mehr als zehn Menschen untersagt und die Gebetsschulen geschlossen. Seit vergangenem Freitag nun ist Bnei Brak vollständig abgeriegelt. Keiner darf mehr raus. Polizistinnen in weißen Schutzanzügen laufen durch die Straßen, die Armee, die sonst im Westjordanland patrouilliert, verteilt Lebensmittel und Medikamente an die Bevölkerung. Der Verteidigungsminister Naftali Bennett will weitere Soldaten nach Bnei Brak schicken, um sicherzugehen, dass sich die Bewohnerinnen in den kommenden Tagen an die Ausgangssperren halten. Am Mittwochabend beginnt das Pessachfest, einer der höchsten Feiertage im Judentum, an dem Dutzende religiöse Rituale stattfinden, zu denen sich normalerweise viele Menschen zusammenfinden.

Der Messias werde das jüdische Volk vor Pessach von Corona befreien, hatte Gesundheitsminister Litzman kürzlich noch in einem Interview mit einem ultraorthodoxen Radiosender gesagt. Zunächst hatte diese fanatische Ansicht in der breiten Öffentlichkeit für Gelächter gesorgt. Nun, da das Virus die Strengreligiösen derart hart getroffen hat, offenbaren sich die dramatischen Folgen dieser Falschinformation von ganz oben. “Litzman ist eine Autorität für die Ultraorthodoxen”, sagt der Wissenschaftler Gilad Malach. “Er hat in dieser Rolle und als Minister ganz klar versagt.”

Die Situation, meint Malach, könne für noch mehr Spannungen zwischen säkularen und religiösen Israelis führen – und für neue politische Dynamiken sorgen. “Es kann aber auch sein, dass wir positive Entwicklungen sehen. Vielleicht öffnen sich mehr Ultraorthodoxe gegenüber weltlichen Autoritäten. Vielleicht schafft der Fall auch mehr Verständnis in der Gesellschaft für die isolierten Gemeinschaften der Charedim, die weniger Bildung, weniger Einkommen und wenig verantwortungsvolle Führer haben.”

Am Sonntag hat Yechiel Vaknin, der Rettungssanitäter aus Bnei Brak, auf dem Weg zur Arbeit ein kurzes Video gedreht. Zu sehen ist ein junger Mann mit Hut, Anzug und Mundschutz, der einen Kinderwagen über eine leere Straße schiebt. Im Hintergrund huscht eine junge Frau mit Perücke, Rock und Mundschutz durchs Bild. Und über Lautsprecheranlagen ist die drohende Stimme eines Mannes zu hören: Es sei den Anweisungen der Behörden Folge zu leisten, wer sich widersetze, bekomme es mit der Polizei zu tun.

“Die Menschen bleiben zu Hause, sie haben es jetzt verstanden”, sagt Vaknin. Von den über 50 Israelis, die durch Corona gestorben sind, stammen zwei aus Bnei Brak. Für die älteren und vorerkrankten Bewohner bleibt die Situation gefährlich. Israels Krankenhäuser verfügen längst nicht über ausreichend Beatmungsgeräte, um im Ernstfall alle Leben retten zu können. Die meisten Einwohner aber sind eben jung, haben tendenziell leichtere Symptome. Vaknin bemüht sich deshalb, nicht nur das Schlechte an der Situation zu sehen. “Vielleicht können die Genesenen aus Bnei Brak am Ende helfen, das Virus zu bekämpfen”, sagt er. “Schließlich werden Antikörper doch gerade händeringend gesucht.”

Am Montagabend hat die Regierung die Ausgangssperren für das ganze Land erneut verschärft. Eigentlich hatte Premier Benjamin Netanjahu über Pessach nur acht weitere von Charedim bewohnte Städte abriegeln wollen. Den entsprechenden Beschluss aber haben die beiden ultraorthodoxen Kabinettsmitglieder, darunter Gesundheitsminister Litzman, blockiert.



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