New York wird vom Coronavirus völlig unvorbereitet getroffen. Masken, Beatmungsgeräte, selbst Platz für die Toten fehlt. Viele Menschen fangen an, sich selbst zu helfen.

In Brooklyn werden Schutzmasken hergestellt. © Demetrius Freeman/​Bloomberg/​Getty Images

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Michael Barra ist Produktionsmanager bei Duggal Visual Solutions. Das New Yorker Unternehmen stellt eigentlich Marketing-Displays und Hochglanz-Werbedrucke für Kunden wie Polo Ralph Lauren, Disney, Estée Lauder oder den Juwelier Tiffany her. Doch jetzt sitzt der 51-Jährige an einem Klapptisch und setzt Schutzmasken für Ärztinnen, Sanitäterinnen und Pfleger zusammen. Sein Chef hat die Produktion kurzerhand umgestellt, um zum Kampf gegen den unsichtbaren Feind, dem Coronavirus, beizutragen. Ein wenig besorgt ist Barra schon, denn seine Frau leidet unter Asthma und gilt deshalb als besonders gefährdet. Trotzdem kommt er wie alle anderen 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freiwillig: “Das ist besser, als zu Hause rumzusitzen und sich hilflos zu fühlen.”

Wie Barra wollen viele New Yorker selbst etwas tun. Über das vergangene Wochenende starb in der Stadt alle zweieinhalb Minuten ein Bewohner an dem Coronavirus. Am Dienstag wurden im gesamten Bundesstaat 5.500 Todesfälle gemeldet – 731 mehr, als noch am Tag zuvor. Bis zu 6.000 Mal am Tag rücken Ambulanzen aus, das Heulen ihrer Sirenen scheint nicht aufzuhören. Der Eindruck verstärkt sich dadurch, dass es in den Straßen sonst kaum Verkehr gibt. Flüge von und nach New York sind um 90 Prozent reduziert worden. Es wächst das Gefühl einer gespenstischen Belagerung. Auf der Wiese im Central Park, wo sonst New Yorkerinnen und New Yorker sonnenbaden und ihre Kinder spielen lassen, steht jetzt ein Feldlazarett. Im Hafen, wo normalerweise die Kreuzfahrtschiffe andocken, dümpelt die USNS Comfort, ein Krankenhausschiff.

Es fehlt an fast allem: Schutzkleidung, Desinfektionsmittel, Beatmungsgeräte, ja sogar an Platz für die Toten. Ein Stadtrat schlug vor, sie vorübergehend in Massengräbern in den Parks der City zu beerdigen. Gouverneur Andrew Cuomo wirft dem Präsidenten Donald Trump vor, nicht genug zu tun, um die verzweifelte Lage zu mildern. Trump ist selbst New Yorker, doch im vergangenen Oktober hat er seinen privaten Wohnsitz offiziell nach Florida verlegt. In seiner Heimat hat der ehemalige Immobilienmogul 2016 nur 19 Prozent der Wählerstimmen bekommen. Nachdem er vom Rest des Landes zum Präsidenten gewählt wurde, hängten viele New Yorker Plakate mit dem Wort “Resist” in ihre Fenster. Jetzt gewinnt der Aufruf zum Widerstand eine ganze neue Bedeutung. Weil die Hilfe aus Washington auf sich warten lässt, rief Cuomo die Produktionsbetriebe des Bundesstaates auf, einzuspringen. Sie sollten kreativ sein und sich etwas einfallen lassen, forderte Cuomo in einem öffentlichen Appell. 

In weniger als zwei Tagen kam die Genehmigung

Michael Barras’ Chef, der Unternehmer Mike Duggal, war sofort dabei. Seinen Betrieb im Brooklyn Navy Yard, einer ehemaligen Werft, hatte er wegen der Corona-Auflagen bereits geschlossen. Doch nun rief er seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an und bat sie, einen Prototypen für eine Plastik-Schutzmaske zu entwerfen, die sich mit seinen vorhandenen Maschinen herstellen lasse. In weniger als zwei Tagen genehmigten die Behörden den Entwurf und bestellten die ersten Masken. Duggals Leute begannen eine improvisierte Fertigungsstraße zu bauen. Drei Tage später startete die Produktion. Mit dabei sind die Bednark Studios, ein benachbarter Messe- und Ladenbauspezialist. Inzwischen haben die beiden Firmen mehr als 200.000 der Schutzmasken ausgeliefert. “Wir sind alle erschöpft, aber auch glücklich, weil wir mit jeder Maske den Leuten an der Front dieses Kampfes helfen und letztlich Leben retten”, sagt Duggal.

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Wie viele seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnert er sich an die Zeit nach den Terroranschlägen des 11. Septembers. Auch das hat die Stadt gemeistert. Sie ist mit den Verheerungen durch den Sturm Sandy 2012 fertiggeworden. Zwei Meter hoch stand das Wasser in seiner Druckerei, erzählt Duggal. Weil die Versicherung danach zu hohe Prämien verlangte, wandelte er die Halle in einen Veranstaltungsraum um. Und jetzt entstehen dort eben die Schutzmasken.

Ein paar Hundert Meter weiter bei Kings County Distillery hat man sich auch dem Kampf gegen Corona angeschlossen. Statt Bourbon oder Whiskey stellt die Brennerei nun Desinfektionsmittel her. Die Unternehmen im Navy Yard gehören mit ihren mehreren Hundert Angestellten zu den wenigen verbliebenen Produktionsbetrieben Brooklyns. Der Stadtteil ist heute angesagter als Manhattan, was sich in enorm gestiegenen Immobilienpreisen zeigt, sowie einer entsprechend hohen Dichte von Coffeeshops und Tattoostudios.

Der “Can-Do-Yard”

Doch bis Mitte der Siebzigerjahre war Brooklyn mit seinem Hafen einer der wichtigsten Industriestandorte der USA. Der Brooklyn Navy Yard, wo Duggal und Bednark sich angesiedelt haben, war einst einer der größten Arbeitgeber. Im 19. Jahrhundert wurden noch Holzschiffe für den Einsatz im amerikanischen Bürgerkrieg gebaut. Hier lief die Maine vom Stapel, deren Versenkung vor der Küste Kubas den spanisch-amerikanischen Krieg auslöste. Die USA stieg daraufhin zur weltpolitischen Macht auf. Während des zweiten Weltkrieges arbeiteten 75.000 Beschäftigte auf der Werft, die wegen ihrer Rüstungsanstrengungen den Beinamen “Can-Do-Yard” erhielt. Den Beinamen wollen sich Duggal und seine Mannschaft wieder verdienen. 

Auf der anderen Seite des East River liegt der Garment District, der früher berüchtigt war für die Sweatshops, wo Näherinnen auf engstem Raum für mageren Lohn schuften mussten. Die meisten der Textilfabriken wurden durch die noch billigeren Waren aus Asien verdrängt. Geblieben sind vor allem Nischenanbieter. Doch auch hier ist der Hilferuf des Gouverneurs gehört worden. So liefert ein Garment-District-Geschäft die Gummibänder, mit denen Duggals Schutzmasken befestigt werden.

Der Modemacher Christian Siriano hatte sein Atelier in der City schon geschlossen und seine Näher nach Hause geschickt, als er eine Pressekonferenz Cuomos im Fernsehen sah. “Wenn Sie Kleidung herstellen können, versuchen Sie doch, Masken zu nähen. Ich werde die Mittel dazu beschaffen”, sagte der Gouverneur. Siriano, der Modelle für Michelle Obama und Taylor Swift entworfen hat, bot per Twitter spontan seine Dienste an und keine Stunde später erhielt er seinen ersten staatlichen Beschaffungsauftrag.

Auch viele New Yorker Restaurants machen mit. Sie sind entweder geschlossen oder haben auf Take-out umgestellt. Doch immer mehr kochen nun für das Personal der Krankenhäuser und liefern von Bentoboxen bis Pizza. The Deep End, eine Bar in Brooklyn, die eher für Drag-Queen-Partys und Video-Game-Nächte bekannt ist, sammelt Spenden auf GoFundMe und liefert kostenlose Mahlzeiten an zwei Krankenhäuser, die besonders viele Corona-Fälle behandeln.

Nur die dringend benötigten Beatmungsgeräte lassen sich nicht auf die Schnelle lokal herstellen. Und so bat Cuomo andere US-Bundesstaaten, Geräte zu schicken, mit der Zusage, sich zu revanchieren, sollte die Corona-Krise dort ausbrechen. Nur Oregon versprach, 140 Geräte zu schicken. Aber am Samstag landete eine Cargo-Maschine auf dem nahezu verlassenen JFK-Airport. An Bord befanden sich 1.000 Beatmungsgeräte. Bezahlt von Joe Tsai, einem Mitgründer des chinesischen Online-Riesen Alibaba, und auf den Weg gebracht von der chinesischen Regierung. 



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