Die Behörden melden für Hamburg mehr als 3.000 Covid-19-Infizierte, jeden Tag werden es etwa 150 mehr. Was sagen diese Zahlen? Wenig. Ein Versuch der Einordnung

Eine Biologielaborantin analysiert in einem Labor in Geesthacht Proben auf das Sars-CoV-2-Virus. “Der Grund, warum wir in Deutschland im Moment so wenige Todesfälle haben, gegenüber der Zahl der Infizierten, ist hinreichend damit zu erklären, dass wir extrem viel Labordiagnostik in Deutschland machen”, sagt Virologe Christian Drosten. © Daniel Bockwoldt/​dpa

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Wie ein Rohrschachtest liegt die Kurve der Erkranktenzahlen vor dem Betrachter. Was ist da zu erkennen, ein Muster? Oder spiegelt sich bloß die eigene geistige Verfassung, Ängste und Hoffnungen, die nun die Gestalt von Assoziationen annehmen?

Wer vor allem raus will aus der eigenen Wohnung oder sein Gewerbe wieder aufnehmen möchte, wird überall Hoffnungszeichen entdecken. Wer sich auf Schreckensszenarien konzentriert, wird im Kurvenverlauf Ähnlichkeit mit italienischen Verhältnissen suchen und fürchten, die Katastrophe stehe unmittelbar bevor. Die Kanzlerin soll eine bevorzugte Wachstumsrate haben, Verdoppelung innerhalb von zehn Tagen, nach der sie über eine Lockerung der Beschränkungen nachzudenken bereit sei. Aber das dürfte mehr Erwartungsmanagement sein als die Beschreibung eines konkreten Exit-Szenarios.

© Neele Jacobi für DIE ZEIT

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Seit eineinhalb Wochen nimmt die Zahl der positiv getesteten Corona-Patienten in Hamburg mit einer gewissen Stetigkeit zu. Ungefähr 150 neue positive Tests pro Tag, mal mehr, mal weniger, aber jedenfalls ohne einen deutlich erkennbaren Trend der Beschleunigung: Dies ist nicht das exponentielle Wachstum, das bei einer sich ungebremst ausbreitenden Epidemie zu erwarten wäre, so viel kann man mit Blick auf die Zahlen sagen.

Aber lässt diese Kurve überhaupt Schlüsse zu? Das Gesundheitswesen der Stadt ist kein Versuchsaufbau, der mit unveränderter Methodik ein wechselhaftes Geschehen erforschen könnte. Zeitweise war der Arztruf überlastet. Es dauerte lange, bis Anruferinnen endlich durchkamen. Ein Teil der Tests wird von Arztpraxen vorgenommen, ein Teil von mobilen Teams der Kassenärztlichen Vereinigung. Beide haben unterschiedliche Trefferquoten, aber ihr Anteil am gesamten Testgeschehen wechselt. Und es ist leicht möglich, dass sich der Erregungspegel der Hamburger mit der Nachrichtenlage ändert und damit ihre Bereitschaft, sich um Tests zu bemühen, und die Dringlichkeit, mit der sie dies Anliegen verfolgen.

Man könnte sogar einwenden: Hamburg sei zu klein, um aus den hier erhobenen Zahlen Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Effekt der schieren Masse zeigt sich, wenn man die Zahlen der hiesigen Neuinfektionen mit denen des Robert Koch-Instituts für ganz Deutschland vergleicht: Letztere schwanken von Tag zu Tag erheblich weniger, ein deutlicher Hinweis, dass die größere Zahl von Untersuchungen die Wirkung des Zufalls stärker in den Hintergrund treten lässt und so womöglich Muster erkennbar macht.

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